The Secret of Secrets: Bewusstseinserweiternder Thriller

The Secret of Secrets: Bewusstseinserweiternder Thriller

Bewertung ⭐⭐⭐

  • Handlung75%75%
  • Charaktere30%30%
  • Schreibstil35%35%
  • Goblin-Modus60%60%
  • Vibes50%50%
  • Gesamtwertung60%60%

Smut-Skala 

  • Häufigkeit30%30%
  • Explizität30%30%

Für mehr Informationen zur Bedeutung dieser Werte habe ich einen Beitrag über mein Bewertungsschema geschrieben.

Autorin: Dan Brown
Verlag: Lübbe
Buchreihe:
Robert Langdon
Teil: 6
Seitenzahl: 800
Genre:
Thriller
Sprache: Deutsch

Mord, Folter, Einschüchterung, psychologische Bedrohung, Missbrauch von Patienten, Experimente an Menschen, Verfolgung durch Behörden, Darstellung von dissoziativer Persönlichkeitsstörung, Ausnutzen romantischer Gefühle für einen höheren Zweck, Machtmissbrauch, Verschwörungstheorien, Diskussionen zum Leben nach dem Tod, generell der Tod und was danach passiert als Schwerpunkt, pseudowissenschaftliche und religiöse Themen

Nein, es kommen keine Tiere zu Schaden und den Katzen geht es gut.

Secret Society, Alternate History, Reluctant Hero, Wrong Place Wrong Time, Race Against Time, Big Reveal, Science vs. Mysticism, Romantic Subplot, Secret Lab

Katherine Solomon, eine alte Bekannte von Robert Langdon, hat ihn nach Prag eingeladen. Dort hält sie einen Vortrag zu ihren jüngsten Forschungen im Bereich der Noetik und teast dabei ihr bald erscheinendes Buch an, das ganz bahnbrechende Informationen enthält. Ihr Werk würde das vorherrschende Verständnis von Bewusstsein und dem Tod grundlegend verändern. Nur blöd, dass jemand alles daran setzt, diese Veröffentlichung zu verhindern. Katherine hat in ihrem Buch wohl irgendwelche ganz brisanten Erkenntnisse erlangt, von denen die Öffentlichkeit nie erfahren darf.

Robert landet mal wieder komplett ohne eigenes Verschulden genau im Mittelpunkt eines Konflikts. Katherine, mit der ihn seit Jahren eine tiefe Freundschaft verbindet, wurde in Prag nicht nur zu seiner Liebhaberin, sondern er selbst hatte sie bei seinem Verleger vorgestellt und die entsprechenden Connections gehabt, damit ihr Buch erscheinen kann. Das macht ihn automatisch zu einer Person of Interest. Außerdem ist er selbst sehr neugierig auf den Inhalt des streng geheimen Manuskripts. Als Katherine nun in Lebensgefahr schwebt und sich eine Lawine an Ereignissen in Gang setzt, steht Robert vor einigen Rätseln: Wer ist hinter Katherine her? Was hat der Golem von Prag mit der Sache zu tun? Und warum musste eine andere Wissenschaftlerin bereits sterben?

In rasantem Tempo werden die Ereignisse von etwas über 24 Stunden erzählt. Es gibt mehrere POVs und Schauplätze, zwischen denen häufig gewechselt wird und es entfaltet sich eine Geschichte, die weiter in die Vergangenheit zurückreicht, als ursprünglich gedacht.

 

Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien

Der Roman The Secret of Secrets ist ein gefundenes Fressen für alle, die auf Verschwörungstheorien abfahren. Das sollte niemanden überraschen, schließlich kamen in einem anderen Teil der Reihe echte Nachfahren von Jesus vor, die noch heute unter uns leben und von einer Geheimgesellschaft beschützt werden. Oder man denke an die ganzen versteckten Botschaften in den Gemälden von Leonardo DaVinci. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Genau deshalb kauft man sich doch den neuen Roman von Dan Brown auch.

Religiöse Themen nehmen in diesem Teil aber vergleichsweise wenig Raum ein, tatsächlich geht es eher das Bewusstsein an sich, was mit dem Bewusstsein nach dem Tod passiert und wie sich einige Leute veränderte Bewusstseinszustände zunutze machen und diese gezielt herbeiführen können. Es werden auch außerkörperliche Erfahrungen diskutiert, Nahtoderlebnisse und welche Rolle an Epilepsie Leidende in der Erforschung des Bewusstseins spielen.

Ich hatte vor dem Roman von Noetik noch nie etwas gehört (bzw. nur einmal davon gelesen, auch das war in einem Dan Brown Roman) und mich nie damit beschäftigt. Nachdem ich anfing zu lesen, klang das aber sogar ganz interessant für mich. Ich dachte, Noetik wäre eine spezielle wissenschaftliche Fachrichtung, vielleicht ein Spezialbereich der Neurowissenschaft, die sich mit dem Bewusstsein beschäftigt. Also habe ich gegoogelt. Weil ich dachte, dass es vielleicht interessante Lektüre zu dem Thema gibt. Naja.

Wikipedia definiert Noetik als einen “Begriff der neuzeitlichen Philosophie. Er wird in der philosophischen Fachsprache unterschiedlich verwendet. Nach der gängigsten Verwendung bezeichnet er die Phänomenologie (Lehre von den Erscheinungen) der Vernunft”. Also ist das gar keine Wissenschaft, sondern eine philosophische Lehre? Mehr googlen ergab: Noetik ist kein anerkannter wissenschaftlicher Zweig, auch wenn Dan Brown es in seinem Roman ausdrücklich als Wissenschaft betitelt.

Das im Roman vorkommende “Institute of Noetic Sciences” gibt es im übrigen wirklich (Dan Brown erwähnt zu Beginn auch extra, dass Zeichnungen, Artefakte, Organisationen sowie Experimente, Technologien und wissenschaftliche Erkenntnisse alle existieren bzw. der Wirklichkeit entnommen sind). Ich habe mir die Webseite ein bisschen angesehen und stieß dabei auch einen kostenlosen Kurs mit dem Titel “Noetic 101”, dessen Inhalt so beschrieben wird:

“Dive into fascinating topics like psychic phenomena, intuition, channeling, energy healing & more with our free e-course.” (IONS, 2025: There’s More to Explore, https://noetic.org/explore/, abgerufen am 26.10.2025).

Auf der Webseite findet man viele Bilder von Menschen beim Meditieren und von Händen, die Kristalle halten. Ich sag mal so: Besonders wissenschaftlich sieht das für mich nicht aus. Ich bin kein komplett unspiritueller Mensch, aber für mich gibt es eine Grenze zwischen Spiritualität und Wissenschaft und diese Grenze sollte auch beibehalten werden. Wissenschaften können spirituelle Phänomene erforschen und ggf. widerlegen oder nachweisen, aber das macht diese Art von Spiritualität nicht im Umkehrschluss selbst zu einer Wissenschaft.

Gegründet wurde das Institut von Astronaut Edgar Mitchell, der unter anderem behauptete, dass er sich sehr sicher sei, dass UFO-Sichtungen auf Besuche von Außerirdischen beruhen und dass er aus diversen Quellen wisse, dass die Regierung Informationen zu Aliens zurückhält (mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Institute_of_Noetic_Sciences). Von “noetischer Wissenschaft” ist dann explizit im Freimaurer-Wiki die Rede, und selbst dort wird sie als eine Grenzwissenschaft bezeichnet. Eine häufig gestellte Frage bei Google ist “Ist Noetik eine echte Wissenschaft?”.

Macht daraus, was ihr wollt. Für mich ist Noetik allemals eine Pseudowissenschaft und das hat meine Sicht auf das Buch doch beeinflusst. Ich bin aber auch Agnostikerin und war in der Vergangenheit bei den ganzen religiösen Themen in der Robert-Langdon Reihe schon skeptisch. Als Philosophie kann ich mit Noetik jedenfalls deutlich mehr anfangen und es gibt einige Ansätze im Buch, die ich ganz spannend fand.

 

Die Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft

So spielt Solomon mit der Idee, dass die permanente Gefahr von Terror, Pandemien und Kriegen neben der “Fight or Flight”-Response auch eine weitere mögliche Reaktion bei uns auslöst: Die langsame Vorbereitung auf den Tod und ggf. die zunehmende Angst davor. Diese Furcht vor dem Unbekannten habe teilweise zur Folge, dass sich die Menschen ganz besonders stark an ihren weltlichen Besitz klammern und generell an das, was ihnen bekannt ist. Sie werden materialistischer und verlieren gleichzeitig zunehmend das Umweltbewusstsein, weil sie das Gefühl haben, dass die Welt sowieso untergeht. Warum sollten sie in ihrem Leben also auf irgendetwas verzichten, um so den unweigerlichen Untergang nur ein wenig hinauszuzögern? Was haben sie selbst davon? Menschen, die viel Angst vor dem Tod haben, seien dadurch eher geneigt, sich sehr selbstsüchtig zu verhalten, während es Menschen ohne diese Angst leichter fiele, Rücksicht auf andere zu nehmen und insgesamt offener und freundlicher durchs Leben zu gehen.

Die Behauptung “Angst macht selbstsüchtig”, die in Kapitel 135 des Romans aufgestellt wird, hat ziemlich stark mit mir resoniert. Unabhängig davon, was der Grund ist, habe ich doch das Gefühl, dass die Leute in den letzten Jahren noch viel selbstsüchtiger bzw. egozentrischer geworden sind, als es sie es mal waren. Es ist, als würden viele Menschen einen Scheiß drauf geben, was ihr Umfeld macht oder wie ihr Handeln sich auf andere auswirkt. Lautes Telefonieren oder Musik hören in der Bahn, labern während Filme und Konzerten, das restlose Aufkaufen von Artikeln im Supermarkt, die Art wie manche Leute eine richtige Müllhalde im Kino hinterlassen … Ich kann nicht sagen, ob Angst vor dem Tod hier wirklich den Ausschlag gibt, aber vielleicht zumindet die Angst, sein Leben nicht voll auskosten zu können? Rücksicht auf andere wird scheinbar als Einschränkung dabei empfunden, sich richtig auszuleben und Spaß dabei zu haben. Ich werde auf jeden Fall noch ein bisschen darüber nachdenken müssen, was in den letzten Kapiteln des Buches zur Sprache gebracht wurde. Das waren für mich nämlich die interessantesten Themen. Ich sage nicht, dass ich gerne mehr darüber gehört hätte, zur Handlung hätten diese Themen nämlich nichts beigetragen. Aber ich fand sie als Denkansätze ganz gut, sodass ich mich vielleicht im Anschluss noch ein wenig nach Essays dazu umschauen werde.

Kommen wir jetzt aber zu den Dingen, die ich am Roman neben den ganzen pseudowissenschaftlichen Aussagen nicht so gut fand.

 

Eidetisches Gedächtnis: Ich hab es kapiert, Dan

Robert Langdon hat ein eidetisches Gedächtnis. Das bedeutet, er kann visuelle Informationen sehr lange in Erinnerung behalten und zu einem späteren Zeitpunkt vor seinem inneren Auge perfekt abrufen. Sehr praktisch für jemanden, der sich im Verlauf von sechs Büchern immer wieder innerhalb kürzester Zeit viele Informationen gut einprägen muss.

Damit wir ja nicht vergessen, dass Robert das kann, wird im Buch insgesamt 10 mal erwähnt – einmal davon als Definition mit einer Erklärung des Worturpsrungs – dass er ein eidetisches Gedächtnis hat. Das ist im Schnitt einmal alle 80 Seiten. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe zum Beispiel kein eidetisches Gedächtnis, vergesse aber so eine Information trotzdem nicht sofort wieder. Mich hat es beim Nachzählen (danke für die Suchfunktion meines eReaders) aber überrascht, dass es doch “nur” zehnmal war. Mir kam es nämlich so vor, als würde mich Dan Brown deutlich öfter daran erinnern, und spätestens ab dem dritten Mal habe ich immer kurz mit den Augen gerollt.

[…] damit sein eidetisches Gedächtnis einen mentalen Schnappschuss davon machen konnte. (Kapitel 47)

 

Sein eidetisches Gedächtnis lieferte einen präzisen, vollständigen Abruf eines visuellen Inputs. (Kapitel 49)

 

“[…] sollte dein eidetisches Gedächtnis Beweis genug sein, Robert.” (Kapitel 60)

 

“Dein eidetisches Gehirn hat nur einen überlegenen Mechanismus.” (Kapitel 60)

 

”Ein eidetisches Gedächtnis kann ziemlich ablenken.” (Kapitel 91)

 

Er hatte zwar ein eidetisches Gedächtnis, doch selbst das stieß hier unten an seine Grenzen. (Kapitel 100)

Und mein Lieblingsabsatz:

Als Langdon sich erklärte, begriff Katherine, dass er soeben etwas erlebt hatte, was Noetiker als eine »verzögerte visuelle Wahrnehmung« nannten, wie sie bei einem Menschen mit eidetischem Gedächtnis häufig vorkam. Weil solch große Mengen an visuellen Informationen auf ein eidetisches Gedäcthnis einströmten, konnte das Gehirn sie nicht alle in Echtzeit verarbeiten. Tatsächlich wurde auf den Großteil des visuellen Inputs, den ein eidetisches Gedächtnis speicherte, niemals zugegriffen […] (Kapitel 70).

Das muss doch irgendwie eleganter gehen, oder? Vielleicht nervt mich das jetzt auch komplett grundlos und sonst hat niemand ein Problem damit, aber mir ist das gerade im letzten Beispiel richtig sauer aufgestoßen. Aus dem Zusammenhang ist mir da durchaus klar, dass es hier gerade um Besonderheiten des eidetischen Gedächtnisses geht, da muss das nicht noch zweimal extra betont werden.

Außerdem frage ich mich: Warum nutzt ein Mann, der (vermute ich mal, bin mir nicht ganz sicher, das wurde im Buch nicht klar genug betont) ein eidetisches Gedächtnis hat, für sämtliche Accounts und Zugänge ein Passwort wie “Dolphin123”? Der Typ ist anerkannter Symbolologe, er kennt sich mit Chiffren und allgemeiner Kryptologie aus und war in der Vergangenheit schon öfter in internationale Vorfälle verwickelt. Warum benutzt er SO EIN Passwort? Da ist ja mein Arbeitslaptop besser verschlüsselt und sogar ich kann mir mein 20-30 Zeichen langes Passwort mit Sonderzeichen und Zahlen merken. Da muss man ja nicht mal hacken können, um an seine Daten ranzukommen.

 

Redundante Informationen und übermäßiges Worldbuilding

Die Sache mit dem eidetischen Gedächtnis ist aber nicht das einzige, was auffallend oft wiederholt wird. Beim Lesen fiel mir immer wieder auf, dass Informationen häufig noch einmal wiederholt werden, obwohl sie erst ein paar Kapitel vorher eine Rolle spielten.

Erst vor kurzem habe ich auf TikTok einen Clip gesehen, bei dem es darum ging, dass Serien und Filme heutzutage so konzipiert werden, dass sie Second Screening unterstützen. Ich finde leider den Link nicht mehr, aber in dem kurzen Video wurde unter anderem dargelegt, dass Charaktere in den Dialogen teilweise Dinge aussprechen, die gerade passieren, sodass man theoretisch nicht mal hinschauen muss, aber trotzdem alles mitbekommt. Medien werden zunehmend so gestaltet, dass die Zuschauenden nicht mehr selbst nachdenken müssen und eine Serie schauen können, ohne ihr Doomscrolling zu unterbrechen.

The Secret of Secrets kam mir auch ein bisschen so vor. Die Kapitel sind ingesamt sehr kurz (es gibt 139 Kapitel und einen Epilog!), was größtenteils mit den rasanten POV-Wechseln zu tun hat. Aber trotzdem werden einige Informationen oft wiederholt oder umformuliert wiedergegeben. Nur warum? Ich habe den Roman in wenigen Tagen beendet und nicht viele Pausen gemacht. Bei den ganzen Wiederholungen würden viele Unterbrechungen jedoch nichts ausmachen. Das mag schön sein für die Leute, die mehrere Wochen für den Roman brauchen und zwischendurch mehrere Tage nicht zum Lesen kommen, aber wenn man das in einem Rutsch durchliest, ist das doch sehr ärgerlich. Das Wiederholte bläht das Buch unnötig auf und riss mich zwischendurch ein wenig aus dem Flow.

Auch das Infodumping fiel mir stark auf. Es gibt immer wieder Passagen, in denen sehr viele Informationen zum Hintergrund geliefert werden und die an sich einfach nichtssagend waren. Ein bisschen zu viel Exposé, etwas zu wenig Fokus auf die Handlung. Ich denke, das Buch hätte auch 600 Seiten lang sein können, ohne dass auf wichtige Punkte verzichtet hätte werden müssen.

 

Die Frauen in The Secret of Secrets

Katherine Solomon ist neben Robert Langdon die Hauptfigur in diesem Roman. Immer wieder wird betont, dass die beiden sich schon ewig kennen. Was nicht betont wird, ist, dass Katherine auch schon in Das verlorene Symbol eine tragende Rolle gespielt hat. Wenn ich das nicht nachgelesen hätte, hätte ich davon keine Ahnung gehabt. Mit keinem Wort werden die Ereignisse aus dem vierten Buch der Reihe auch nur erwähnt. Aber warum auch. Katherines Bruder wurde ja nur entführt, sie selbst auch, Robert wurde vor ihren Augen gefoldert und sie wurde später langsam verblutend zum Sterben zurückgelassen. Dazu muss man ja nichts mehr sagen, diese Ereignisse haben bestimmt auf keinen Fall die Beziehung der beiden beeinflusst. Auch, dass Katherines Forschung schon einmal sabotiert wurde und ihr ganzes Labor in die Luft flog, ist egal. Diesmal ist es ja nur ihr Manuskript, das verloren geht.  Natürlich muss man nicht die Ereignisse noch einmal aufrollen, aber so ein kleiner Hinweis? Ein “Warum muss das immer mir passieren?” oder “Wieso kann ich nicht ein einziges Mal forschen, ohne dass deshalb etwas explodiert”. Das wäre nett gewesen. Es wird doch sonst alles wiederholt, warum nicht ein kleines anerkennendes Nicken in Richtung der Vergangenheit?

Stattdessen wird Katherine fast schon auf ihre Rolle als Roberts Liebhaberin reduziert. Die darüber hinaus ausgesprochen hübsch ist. Ihre Arbeit war zwar der Fokus hinter der ganzen Geschichte, aber trotzdem rückte sie irgendwie in den Hintergrund. Ihr Buch ist weg, aber Hauptsache die beiden haben sich noch. Und sie ist hübsch, habe ich das schon erwähnt?

Im Kontrast dazu steht Brigita Gessner, eine weitere Wissenschaftlerin. Ich sage eine weitere, aber eigentlich ist sie die einzige richtige Wissenschaftlerin, wenn man Noetik als Pseudowissenschaft betrachtet. Brigita Gessner bildet die Antithese zu Katherine in allem. Sie ist Materialistin und Skeptikerin, während Katherine Noetikerin ist. Gessner wird sehr unsympathisch dargestellt und ihre Handlungen stellen die Wissenschaft in der Vordergrund, während Menschen für sie teilweise nur Forschungsmaterial zu sein scheinen. Um das ganze zu verdeutllichen, ist Gessner auch – natürlich – nicht so hübsch wie Katherine. Sie wird als “strenge und humorlose Frau mit schmalen Lippen” (Kapitel 24) beschrieben. Schmale Lippen, wie kann sie nur. “Ihr Haar trug sie straff zurückgebunden” (Kapitel 24) und nicht wie Katherine offen und wallend. Ihr Lächeln wird als oberflächlich beschrieben, sie treibt kleine Machtspielchen und klingt in allem, was sie sagt, herablassend. Das ist an sich auch okay, auch Frauen können unsympathische Rollen einnehmen. Aber warum geht das so oft einher mit einem aus dem Auge des männlichen Protagonisten betrachteten unattraktivem Erscheinungsbild?

Dana Daněk ist die Pressesprecherin der US-Botschaft in Prag und steht in einer heimlichen Beziehung mit einem der männlichen Nebencharaktere. Auch Dana wird als auffallend hübsch bezeichnet es wird sogar betont, dass sie mal Model war: Dana ist ein “über eins achtzig großes ehemaliges Laufsteg-Model” (Kapitel 28). Auch im weiteren Verlauf denkt ein Mann sofort an ein Model, als er sie sieht. Dana wird zwar als hübsch dargestellt, mit einem Abschluss in Informatik und einem Posten in der Botschaft, aber sie lässt sich von ihren Gefühlen leiten. Vor allem von Eifersucht, denn sie vermutet, dass ihr Liebhaber sie betrügt. Dafür benutzt sie dann sogar Mittel der US-Botschaft, um die andere Frau ausfindig zu machen. Das war so ein Subplot, der meiner Meinung nach überhaupt nicht nötig war. Was mich am meisten stört, ist das hier ausgerechnet ein ehemaliges Model so unvernünftige Dinge tut wie Dana. Es gibt ja leider nach wie vor das Klischee, dass Models zwar schön, aber nicht sehr klug sind. Warum muss das hier verstärkt werden? Stattdessen hätte man ihr wirklich eine andere Rolle geben können. Ich hätte es zum Beispiel gerne gesehen, wenn der Security Mitarbeiter im Verlag eine Frau gewesen wäre, statt dort mal wieder einen Mann hinter den Schreibtisch zu setzen. Als Informatikerin wäre Dana eigentlich perfekt gewesen.

Sasha Vesna spielt im Roman eine sehr wichtige Rolle. Sie kommt aus Russland und arbeitet bei Brigita Gessner als Laborassistentin. Brigita hat Sasha aus einer Nervenheilanstalt befreit, wo sie aufgrund ihrer Epilepsie als Kind abgegeben wurde. Die Wissenschaftlerin bot Sasha einen Job an und die Aussicht auf Heilung. Tatsächlich gelingt es Gessner, Sasha zwar nicht vollständig zu heilen, aber ihre Epilepsie unter Kontrolle zu bringen. Von allen Frauen im Roman mochte ich Sasha am liebsten und habe sogar fast so etwas wie einen Beschützerinstinkt ihr gegenüber entwickelt. Durch zahlreiche Anfälle in der Vergangenheit und eine Geschichte, die von Misshandlung in der Anstalt geprägt war, trägt sie offensichtliche Narben davon. Ihr Äußeres rückt nicht in den Vordergrund, aber die Beschreibungen dienen als Spiegel dessen, was in Sashas Vergangenheit geschah und was sich in ihrem Inneren abspielt.

Die letzte wichtige Frau im Roman ist Heide Nagel, die US-Botschafterin in Prag. Von ihren äußeren Beschreibungen ist mir nur ihr schwarzes Haar und ein gerader Pony im Kopf geblieben, zusammen mit der Tatsache, dass sie auch schon über 50 oder sogar 60 ist. Sie ist geschieden und sehr erfolgreich, ein ehemalige Rechtsanwältin. Wenn ich so darüber nachdenke, erfüllt sie ein bisschen das Klischee der Frau, die sich zwischen Liebe und Beruf entscheiden musste, und sich für ihre Arbeit entschied. Weil man ja nicht beides haben kann. Ansonsten liegt der Fokus auf ihrem Auftreten und ihrer Kompetenz in ihrem Posten, was mir gut gefiel.

Alles in allem sind die Frauen in diesem Roman aber alle Schachfiguren und Opfer, mehr oder weniger. Sie alle haben ihre eigene Persönlichkeit und ganz unterschiedliche Rollen als anerkannte Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen oder Frauen in wichtigen Positionen. Aber doch werden ausnahmslos alle ausgenutzt. Männer schnappen sich ihre Forschungsergebnisse, umschmeicheln ihr Ego, sie werden belogen und gezielt in Positionen erhoben, wo sie den Strippenziehern (alles Männer!) am meisten nutzen. Das geht besser.

 

Ein Dan Brown nach Rezept

Das klang bisher nach sehr viel Kritik. Und der Roman hat auf jeden Fall inhaltliche Schwächen, die ich ansprechen wollte.

Insgesamt hatte ich beim Lesen aber trotzdem Spaß. Ich erkenne eindeutig die Inhalte und die Struktur, die einen Roman von Dan Brown zu einem echten Dan Brown machen: Rätsel, Mystik verwebt mit Wissenschaft, rasantes Tempo, Verfolgungen, historische Schauplätze. Das alles hat The Secret of Secrets und wer bisher gerne die Robert Langdon Romane gelesen hat (so wie ich), wird auch mit diesem Teil Freude haben. Der Roman ist spannend und unterhaltsam von der ersten bis zur letzten Seite.

Am besten haben mir die Passagen in New York mit dem armen Lektor von Katherine und Robert gefallen. Er ist von dem echten Lektor von Dan Brown inspiriert und gerät unabsichtlich in die ganze Sache, weil er ein ausgedrucktes Manuskript von dem besagten Buch besitzt. Von New York aus versucht er zusammen mit einem Security-Spezialisten namens Alex Robert so gut es geht von der anderen Seite der Erde zu unterstützen. Ich hätte mir mehr Kapitel mit den beiden gewünscht.

Man sollte nur ein Auge zudrücken und den ganzen wissenschaftlichen Aspekt nicht zu Ernst nehmen. Ich bin natürlich absolut keine Expertin auf den angesprochenen Gebieten und könnte nicht sagen, was richtig ist und was komplett erfunden, aber als Nicht-Wissenschaftlerin kam mir alles zumindest sehr schlüssig vor. Die Erklärungen sind allgemein gut, ein bisschen Google nebenbei hat ergeben, dass vieles tatsächlich existiert. Nur, dass ich quasi von Anfang an wusste, dass Noetik keine Wissenschaft ist, hat mir ein bisschen die rosa Brille weggenommen. Was aber auch ganz gut war, sonst hätte ich den Roman mit weniger Skepsis gelesen und womöglich noch komische Ideen bekommen. Wenn man den Fokus aber auf die Spannung und Mysterium legt, hat man einen soliden Roman vor sich. The Secret of Secrets ist vielleicht nicht literarisch anspruchsvoll, aber ein gutes Stück Unterhaltungsliteratur.

Spoilers ahead!

Wer absolut keine Spoiler zum Roman lesen will, sollte hier aufhören. Wer wissen will, was es mit dem großen Geheimnis auf sich hat, ohne den Roman zu lesen, kann den nächsten Punkt aufklappen.

Was ist denn jetzt das große Geheimnis?

Katherine Solomon hatte in ihrer Doktorarbeit im Gebiet der Neurochemie über die zukünftige Entwicklung der Hirnforschung spekuliert. Sie schrieb über die Entwicklung eines Chips, mit dem bestimmte Stoffe im Hirn gezielt reguliert werden können. Allerdings muss so ein Chip komplett in das neuronale Netz integriert sein und um dies zu erreichen, müsste man zuerst künstliche Neuronen erschaffen. Dafür entwickelte sie ein theoretisches Verfahren, wie man diese künstliche Neuronen züchten könnte. Ihr Professor drängte sie dazu, ein Patent dafür anzumelden, das jedoch abgelehnt wurde.

Tatsächlich steckte die CIA dahinter und hat dafür gesorgt, dass das Patent abgelehnt und somit auch nicht veröffentlicht wird, um sich exklusiv die beschriebene Technik zu sichern.

In den folgenden Jahren entwickelte die CIA das offiziell als gescheitert bezeichnete Projekt Stargate (existierte wirklich) weiter, auf Basis der Idee von Katherine. Das nun als Threshold bekannte Projekt wurde nach Prag verlegt, wo ein großer unterirdischer Atomschutzbunker umgebaut wurde.

In Katherines neuem Buch berichtete sie dann von ihrer damaligen Forschung und ihrer Idee und hängte als Nachtrag ihren abgelehnten Patentantrag mit an. Damit wollte sie junge Wissenschaftler:innen motivieren, dass ein Misserfolg nicht das Ende ist.

Leider ist der CIA natürlich sehr daran gelegen, dass auf gar keinen Fall irgendeine andere globale Macht jemals diese Patent zu Gesicht bekommt und dann selbst mit künstlichen Neuronen forscht. Deshalb muss die Veröffentlichung des Buches mit allen Mitteln gestoppt werden.

Im Grunde ist der eigentliche Inhalt ihres Buches nicht einmal so brisant, aber diese eine Information reicht aus, dass die CIA einschreitet.

Threshold ist ein Projekt einer Untergruppe der CIA namens In-Q-Tel, kurz Q genannt. Der Leiter von Q, Finch, leitet alles in die Wege. Katherines Manuskript wird von den sicheren Servern des Verlags gelöscht und alle Kopien müssen vernichtet werden.

Bei Threshold geht es darum, dass das Gehirn mit einem Chip und künstlichen Neuronen angepasst wird, um die Chipinhaber als Kamera zu nutzen. Alles, was die Personen mit Chip sehen, kann aufgezeichnet und wiedergegeben werden. Threshold geht aber noch einen Schritt weiter und erforscht die Aufzeichnungen des inneren Auges, z.B. Träume. Aber nicht nur das: Durch den implantierten Chip werden bestimmte Inhibitoren im Gehirn abgestellt, was letzten Endes so etwas wie Astralreisen ermöglicht. Das ganze beruht auf der Annahme, dass das Bewusstsein nicht im Gehirn verankert ist, sondern letztendlich das Gehirn nur der Empfänger für ein nicht-lokales Bewusstsein darstellt. Mit Threshold sollten Personen gezielt außerkörperliche Erfahrungen machen und dabei ihre Beobachtungen aufzeichnen können – quasi wie unsichtbare Drohnen, die überall auf der Welt einsetzbar sind.

(Hier habe ich ein bisschen persönlichen Beef mit dieser Idee: Finch sagt in Kapitel 112 “Wenn Sie die Augen schließen und sich das Heim Ihrer Kindheit vorstellen, dann erscheint ein lebhaftes Bild in Ihrem Kopf”. Ich habe Aphantasie und kann keine Bilder vor meinem inneren Auge sehen. Nach diesem Prinzip wäre ich sozusagen als Spionin komplett ungeeignet, weil ich nichts Nützliches übertragen kann. Und in einer Welt, in der alle Menschen solche Chips bekommen, um komplett überwacht zu werden, wäre ich ein blinder Fleck für die Sicherheitsdienste.)

Jedenfalls erforscht Brigita Gessner, wie man solche außerkörperlichen Erfahrungen verursachen kann und holt sich dafür Testsubjekte aus Nervenheilanstalten. Epileptiker sind als Versuchskaninchen besonders gut geeignet, weil ihre Gehirne von Natur aus auf die nötigen Prozesse getuned sind. Sasha ist Testobjekt Nr. 2 und an ihr wird regelmäßig experimentiert, woran sie sich aber nicht erinnern kann.

In ihren Jahren in der Anstalt entwickelte Sasha nämlich eine dissoziatie Persönlichkeitsstörung, bei der gelegentlich ein sogenannter Alter, eine zweite Persönlichkeit, die Kontrolle übernimmt. Diese Persönlichkeit ist der Golem. Der Golem hat als einziges Ziel, Sasha zu beschützen, und arbeitet gegen Gessner und unwissentlich gegen die CIA, indem er Gessner und weitere Personen tötet, die Sasha Schaden zugefügt haben. Sein Ziel ist es, das unterirdische Labor in die Luft zu sprengen.

Robert wird in das alles alleine durch seine Verbindung zu Katherine hineingezogen. Gemeinsam schaffen es die beiden, herauszufinden, wer hinter allem steckt und warum Katherine verfolgt wird. Am Ende existiert doch noch eine Kopie des Manuskripts und Katherine wird es, angepasst, vielleicht doch noch veröffentlichen können. Finch stirbt bei der Explosion des Labors und Sasha fliegt mit Heide Lange nach Amerika. Dort übernimmt Lange das Projekt Threshold, das in Zukunft umgekrempelt und anders geführt werden soll. Das oberste Ziel ist noch immer, Überwachungstechnologien für neuro-militärische Kriegsführung zu entwickeln, aber ohne unmoralisches Testen an Menschen.

Der Golem hatte Gessner ein Geständnis abgerungen, das auf Video aufgezeichnet wurde. Von diesem Video existieren mehrere Kopien. Es ist ein Druckmittel, das Lange, Langdon und Solomon gegen die CIA in der Hand haben, um ihre persönliche Sicherheit in Zukunft zu garantieren.

Buchclub-Lektüre: Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen

Buchclub-Lektüre: Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen

Bewertung ⭐⭐⭐

  • Handlung55%55%
  • Charaktere50%50%
  • Schreibstil30%30%
  • Goblin-Modus50%50%
  • Vibes60%60%
  • Gesamtwertung60%60%

Smut-Skala 🌶️

  • Häufigkeit30%30%
  • Explizität40%40%

Für mehr Informationen zur Bedeutung dieser Werte habe ich einen Beitrag über mein Bewertungsschema geschrieben.

Autorin: Sangu Mandanna
Verlag: Penhaligon
Buchreihe: –

Seitenzahl:
352
Genre:
Cozy Fantasy
Sprache: Deutsch

Schwieriges Verhältnis zu Eltern, Einsamkeit, früher Tod von Eltern, schwierige Kindheit, Szene mit sexuellem Inhalt

Nein! Kein Tier leidet oder kommt zu Schaden. .

Found Family, Cozy Romance, Dislike to Romance, Grumpy x Sunshine, Secret Magic Society, Reluctant Mentor/Young Students

Es herbstelt: Zeit für gemütliche, magische Geschichten, mit denen man sich bei schlechtem Wetter und kaltem Wind auf dem Sofa einkuschelt. Für mich gehört da eine Kanne Tee mit leckeren Snacks dazu, eine flauschige Decke (endlich ist es nicht mehr zu warm dafür!) und Zeit, um mich wirklich auf ein Buch einzulassen. Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen hat mein Bedürfnis nach cozy Unterhaltung absolut erfüllt.

Der Roman war einer der beiden Gewinner unserer Buchclubwahl zum Thema “Hexen, Hexen, Hexen” für September/Oktober. Und ich bin ehrlich: Wahrscheinlich hätte ich das Buch sonst nie gelesen. Mir wäre es schlichtweg nicht aufgefallen, denn die Cover der englischen und auch der deutschen Ausgabe sind … naja, kein Blickfang. Zumindest nicht für mich! Mir ist klar, dass ich deshalb wahrscheinlich ziemlich viele gute Bücher verpasse, weil sie mich optisch nicht angesprochen haben. Soviel zu “don’t judge a book by its cover”. Ich sehe und ich judge. Oder eher: Ich sehe und entscheide, ob ich interessiert bin oder nicht.

Dieses Buch hat mir mal wieder vor Augen geführt, dass auch hinter unscheinbaren (und lasst mich ehrlich sein: eher hässlichen) Covern wirklich gute Geschichten stecken können.

 

Magische Mary Poppins

Mika ist Anfang 30 und eine Hexe. Eine einsame Hexe. Denn in dieser Welt sind ausnahmslos alle Hexen Waisen und wachsen getrennt voneinander auf, lernen alleine, mit ihrer Magie umzugehen und verbringen auch ihr Leben als Erwachsene nicht in der Gesellschaft anderer Gleichbegabter. Die Magie droht sonst, unberechenbar zu werden. Je mehr Hexen sich an einem Ort versammeln, desto mehr Magie wird von ihnen angezogen und desto schwieriger wird es, sie in Zaum zu halten. Deshalb gibt es Regeln, die strikt befolgt werden: Primrose, die Hexe, die Mika aufgezogen hat, sorgt dafür. Alle drei Monate gibt es ein Treffen, immer an einem anderen Ort, um sich auszutauschen. Das war es, ansonsten gibt es keinen Kontakt. Das bewahrt alle Hexen davor, entdeckt zu werden. Auch wenn gerade die jüngeren Hexen keine Lust auf diese Regeln haben, Mika eingeschlossen, so halten sich doch alle daran. Niemand wagt es, Primrose zu widersprechen.

Dass Mika sich da einsam fühlt, ist verständlich. Um das Ganze noch schlimmer zu machen, zieht sie auch noch regelmäßig um und ghostet danach alle, die sie an ihrem vorigen Wohnort kennengelernt hat. Das ist einfacher und sicherer. Wer Mika nicht gut kennt, kann schließlich nicht aus Versehen mitbekommen, dass sie eine Hexe ist. Ihre einzige Begleitung sind ihr Hund Circe und ihre Kois, die in einem magischen Teich leben. Aber nicht nur die Regeln von Primrose sind dafür verantwortlich, dass Mika sich weigert, Wurzeln zu schlagen: Sie hat auch ihre eigenen Gründe.

Eines Tages bekommt sie eine Nachricht. Ein gewisser Ian bittet sie um Hilfe – “Hexe dringend gesucht”, schreibt er. Mika weiß nicht so recht, wie sie darauf reagieren soll. Kann es sein, dass er sie durchschaut hat? Oder hat ihn bloß Mikas Youtube-Kanal so begeistert? Mika ist nämlich voll auch den Witch-Hype aufgesprungen und postet regelmäßig magischen Content, so wie hunderte andere Möchtegern-Hexen auch. Nur, dass sie wirklich eine Hexe ist und riesigen Spaß daran hat, solche Videos online zu stellen. Eigentlich würde Mika die Email ignorieren, aber irgendetwas bringt sie dazu, doch bei Ian vorbeizufahren und sich zumindest einmal anzuhören, was er zu sagen hat.

Wie sich herausstellt, braucht Ian wirklich Unterstützung von einer echten Hexe, denn er kümmert sich zusammen mit seinem Ehemann Ken, der Haushälterin Lucie und Bibliothekar Jamie um drei Junghexen, deren Magie langsam außer Kontrolle gerät Bevor alles in Schutt und Glitzer liegt, brauchen sie dringend Unterricht. Lillian, die Hexe, die die drei adoptiert hat, ist Archäologin und fast das ganze Jahr über unterwegs. Mika ist geschockt: 1. Wie kann es sein, dass Lillian drei Hexen adoptiert und diese zusammen im selben Haus wohnen lässt? Wenn das Primrose wüsste. Und 2. Warum kümmert sich Lillian nicht selbst um die drei?

Vielleicht war Lillian einfach überfordert, denn die Mädchen können ziemlich anstrengend sein. Vor allem die Zweitälteste. Sie will Mika nicht im Haus haben und ist auch nicht zu schüchtern dafür, ihr das direkt und immer wieder ins Gesicht zu sagen.

Aber Mika bleibt, denn kurz nach Weihnachten steht Besuch im Nowhere-Hause an. Edgar, der Anwalt von Lillian, will einige Dokumente abholen und er darf auf gar keinen Fall irgendetwas mitbekommen. Keine Magie, kein schwebendes Kind, keine komisch gefärbte Blume. Bis dahin müssen die Mädchen lernen, ihre Magie zumindest ein bisschen zu kontrollieren, damit es zu keinen überraschenden Ausbrüchen mehr kommt.

Innerhalb weniger Wochen fühlt sich Mika so wohl an ihrem neuen Arbeitsplatz, dass sie fast versucht ist, zu bleiben. Und dann ist da noch Jamie, der grumpy Kerl, in dem ein softer Kern steckt. Er ist zwar anfangs misstrauisch und ablehnend, aber weicht Mika gegenüber zunehmend auf. Für ihn würde es sich doch lohnen, oder? Immerhin kennt er die Wahrheit über Mika und sie hat keinen Grund, ihn auf Abstand zu halten.

Doch natürlich ist nicht alles so idyllisch, wie es scheint.

 

Kinder, Chaos, Terracotta

Die drei jungen Hexen heißen Rosetta, Terracotta und Altamira und sind zwischen zehn und sieben Jahre alt. Mehr kann ich jetzt nach etwas einer Woche schon gar nicht mehr über die drei sagen. Beziehungsweise: Über Rosetta und Altamira. Die beiden Mädchen haben immer sehr motiviert am Zauberunterricht teilgenommen und waren ansonsten sehr unauffällig. Rosetta darf einmal einen Ausflug mit Mika machen, und liest gerne Comichefte. Das ist mir aber jetzt auch nur noch einmal eingefallen, weil ich angestrengt versucht habe, mich an mehr zu erinnern. Ihre Persönlichkeiten haben für mich jetzt nicht so sehr herausgestochen, als dass ich jetzt noch weitere Details über sie wüsste.

Leider hat Terracotta den anderen beiden komplett die Show gestohlen. Nicht etwa, weil sie so ein besonderes Mädchen ist, sondern weil sie nervt. Wie respektlos will man sein? Terracotta dachte sich: Ja. Es fängt schon damit an, dass sie Mika beim Kennenlernen mit ihrer Ermordung droht (wtf?) und dann auch im weiteren Verlauf immer Mordpläne ausheckt und Mika dann davon erzählt, damit sie auch sicher merkt, dass Terracotta sie nicht leiden kann. Meistens erscheint sie auch nicht mal zum Unterricht und verkriecht sich stattdessen bei Jamie oder in ihrem Zimmer. Und natürlich will sie allen beweisen, dass sie auch ohne Unterricht wunderbar klarkommt und natürlich geht das ordentlich in die Hose.

Ich verstehe einfach nicht, warum keiner der anderen Erwachsenen da früher eingegriffen hat. Warum lässt man so ein Verhalten überhaupt durchgehen? Mika wurde ja ins Haus geholt, um die Mädchen in Magie zu unterrichten, das ist das wichtigste Ziel an der ganzen Sache. Und dann darf sie einfach ohne Konsequenzen den Unterricht schwänzen? Dass Ian erzieherisch nicht durchgreift, kann ich nachvollziehen. Aber von Jamie habe ich mehr erwartet. Es wird zwar  schon klar, dass ihm bewusst ist, dass er dem Mädchen zu viel durchgehen lässt, aber die Erkenntnis hätte meiner Meinung nach viel früher kommen müssen. Zumal ja wirklich Zeitdruck herrschte wegen dem anstehenden Besuch von Anwalt Edward. Stattdessen darf Terracotta sich benehmen wie eine Mini-Antagonistin und keiner sagt was, bis es eskaliert.

Aber genug von Terracotta, es gab ja auch einige schöne Aspekte im Buch.

 

Improvisation und Gatekeeping

Das Magiesystem in der Welt von Miss Moon ist ganz süß. Die Magie wirkt wie ein eigenwilliges, lebendiges Wesen – verspielt, manchmal launisch, und sie liebt Aufmerksamkeit. Für Hexen ist sie als schimmernder Goldstaub sichtbar, der in der Luft liegt und sich um die Hexen herum ansammelt, wie von einem Magneten angezogen. Das führt aber auch dazu, dass viele Hexen auf einem Fleck zu einer starken Ansammlung von Magie führen, die dann nicht mehr versteckt werden kann. Es kommt vermehrt zu magischen Ausbrüchen wie kleinen Wirbelstürmen oder anderen Auffälligkeiten. Deshalb sollen Hexen getrennt voneinander leben und auf gar keinen Fall mehrere Junghexen zusammen aufwachsen.

Magie wird insgesamt als etwas sehr Intuitives dargestellt, das durch Trial und Error relativ gut gemeistert werden kann. Tränke und Zauber entstehen meistens durch Experimente, aber es kam ein wenig so rüber, als müssten Hexen alles mehr oder weniger alleine erlernen. Jede von ihnen führt ein Zauberbuch und neue Entdeckungen werden bei den vierteljährlichen Treffen geteilt. Jedoch nicht alles: Einige Zauber werden eifersüchtig geheimgehalten.

Im Grunde heißt es “jede für sich allein” und das ist schon sehr traurig. Viele Hexen, wie auch Mika, haben Angst, anderen von ihren Fähigkeiten zu erzählen. Andere Hexen wären aber die einzige Möglichkeit für einen offenen Austausch, aber selbst das ist verboten. Keine Freundschaften unter Hexen. Vor Partner:innen muss alles versteckt werden. Kein Kontakt außerhalb der Treffen. Bloß nicht auffallen.

 

Überraschend emotional

Ich hatte nicht damit gerechnet, wie sehr mich dieser Roman stellenweise mitnehmen würde.

Mir hat Mika so Leid getan, weil sie zwar eine fröhliche Fassade aufrecht erhält, aber immer wieder durchscheint, wie unzufrieden sie mit ihrem Leben ist. Ich bin auch jemand, der eigentlich gerne alleine ist und das auch gut aushalten kann, aber allein sein bedeutet ja nicht, einsam zu sein. Das bin ich mittlerweile nicht mehr, aber ich war es lange Zeit. Insofern kann ich mich da gut in Mika hineinversetzen und verstehe, wie viel so eine Found Family einem bedeuten kann. Und Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen ist auf jeden Fall auch eine Geschichte, in der Found Family eine große Rolle spielt. Keiner der Charaktere ist verwandt, aber sie sind eine Familie. Es war schön, mitzuerleben, wie Mika sich immer mehr öffnet.

Aber besonders die Geschichte von Jamie hat mich berührt. Er hat früh seinen Vater verloren und war der jüngste von drei Brudern. Der Verlust seines Vaters hat seine Mutter emotional gebrochen und sie war danach nicht so für die Kinder da, wie sie es gebraucht hätten. Von seinen Brüdern gequält, haute Jamie früh von zuhause ab und kam zufällig bei Lillian unter, die ihm ein Dach über dem Kopf und einen Job anbot. Jamie macht in dem Roman einen großen Schritt, um seine Kindheit aufzuarbeiten. Den Teil las ich abends im Bett und mir sind ein bisschen die Tränen gekommen und der Gedanke, dass das ein sehr erwachsener und sicher auch sehr gesunder Schritt von ihm war.

 

Smut – but why?

Mein einziger Kritikpunkt, den ich leider schon wieder anbringen muss, ist der Smut. Es ist zwar viel weniger als z.B. bei Potions & Prejudice, aber er ist immer noch da. Und das müsste einfach nicht sein. Ganz ehrlich, da hätte es auch eine Fade to Black-Szene getan, wenn denn wirklich klargemacht werden muss, dass sich zwischen den beiden Charakteren mehr anbahnt. Oder man lässt es einfach ganz weg, weil Beziehungen sich auch entwickeln können, ohne dass zwei Personen miteinander im Bett landen. Die Beschreibung ist nicht superexplizit, aber wenn das Buch verfilmt würde und man den Film dann mit seinen Eltern schaut, wäre das genau die Szene, in der alle plötzlich aufs Handy schauen oder Fussel von der Decke zupfen, nur um nicht zu interessiert zu wirken.

Zwischen Mika und Jamie ist die Spannung spürbar und es funkt eindeutig. Und Mika denkt auch öfter auf ganz bestimmte Art und Weise über Jamie nach, und umgekehrt. Aber dabei hätte es bleiben können, finde ich. Irgendwie wirkt diese Szene komplett deplatziert, als wäre sie nur reingeschrieben, weil Bücher heute so etwas brauchen. Was nicht stimmt! Wer keine Lust auf Smut hat, kann deshalb einfach den Rest des Kapitels überspringen, wenn Mika und Jamie die Treppe hochstolpern. Man verpasst wirklich nichts.

 

Fazit

Insgesamt ist Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen ein warmherziges Buch mit viel Herbst-Charme. Ideal für alle, die gerne in eine magische Welt eintauchen möchten – auch wenn nicht alles perfekt ausbalanciert ist.

Ich mochte die Tatsache, dass Mika und Jamie beide schon über 30 und damit in meinem Alter sind. Langsam kann ich keine Young Adult Romane mehr sehen, bitte gebt mir mehr Bücher mit Protagonistinnen, die mit mir in der Schule hätten sein können. Von daher war es wieder eine gelungene Abwechslung zu dem, was ich sonst lese.

Das Ende des Romans hat mich ziemlich überrascht, weil ich damit nun wirklich nicht gerechnet hatte, auch wenn es im Nachhinein betrachtet genügend Anzeichen gab. Wie bei anderen Cozy Fantasy Romanen auch wurde die Handlung dann recht schnell abgeschlossen. Dafür, dass Edward die ganze Zeit wie eine große Gewitterwolke am Horizont schwebte, nimmt die Konfrontation dann doch sehr wenig Raum ein. Bei einigen Punkten bin ich mir nicht sicher, ob ich damit so zufrieden bin, weil die Lösung mir dann doch zu einfach war, wie etwa mit der ganzen “Terracotta hasst Mika”-Geschichte.

Aber alles in allem hatte ich Spaß. Wenn ich den Roman nochmal lesen sollte, dann aber auf Englisch. Die Übersetzung konnte mich nicht überzeugen. Die Kinder klingen nicht, als würden sie gerade mal an der 10 kratzten, vor allem Terracotta. Und manches wird im Englischen zwar so gesagt, aber nicht im Deutschen. Oder habt ihr schon mal jemanden “Hölle, ja!” sagen hören? Ich jedenfalls nicht und ich möchte das  bitte nie wieder in einem Buch lesen.

Graveyard Shift: Schlafprobleme und Geheimnisse

Graveyard Shift: Schlafprobleme und Geheimnisse

Bewertung ⭐⭐⭐⭐

  • Handlung70%70%
  • Charaktere30%30%
  • Schreibstil70%70%
  • Goblin-Modus100%100%
  • Vibes90%90%
  • Gesamtwertung80%80%

Smut-Skala

  • Häufigkeit0%0%
  • Explizität*0%0%

*Anmerkung dazu: Es gibt Referenzen zu vergangenen Beziehungen und miteinander verbrachten Nächten zwischen Charakteren. Keine Details, reiner Fakt.

Für mehr Informationen zur Bedeutung dieser Werte habe ich einen Beitrag über mein Bewertungsschema geschrieben.

Autorin: M. L. Rio
Verlag: Wildfire
Seitenzahl:
113
Genre:
Mystery Thriller
Sprache: Englisch

Body Horror (leicht), Angst/Ekel auslösende Tiere (Ratten), Tierleid

Ja! Mehrere tote Ratten werden erwähnt, ein Charakter ist direkt für den Tod einer Ratte verantwortlich.

Group of Misfits, Haunted/Abandoned Location, Urban Legend/Campus Mystery, Slice of Life, Animal Horror, Open End

Any place you think you know is different after dark.

Fünf Schlaflose treffen sich regelmäßig nachts auf einem alten Friedhof hinter dem Campusgelände, um zu quatschen und gemeinsam ein paar Zigaretten zu rauchen. Edie ist die Chefredakteurin der Uni-Zeitung, Tamar arbeitet nachts in der Bibliothek. Tuck ist Student und Theo gehört eine Bar. Hannah verdient ihr Geld damit, Leute nachts durch die Gegend zu kutschieren. Sie sind vielleicht keine Freunde, aber kennen sich gut genug, um einen Gruppenchat zu haben und sich dort auch zu anderen Tageszeiten auszutauschen.

Eines Nachts kommen sie auf dem Friedhof an und entdecken ein frisch ausgehobenes Grab. Nur: Der Friedhof ist seit Jahrzehnten stillgelegt und die Kirche eine einsturzgefährdete Ruine. Niemand wird dort heutzutage noch begraben, warum also jetzt auf einmal ein neues Grab? Edie wittert eine Story. Weil die Serie mysteriöser Gewaltvorfälle auf dem Campus abgeebbt ist und sich keine Verbindung zwischen den Personen finden ließ, braucht sie einen neuen Aufhänger für die nächste Ausgabe der Studierendenzeitung. Also beschließt sie, ein wenig länger zu bleiben und auf die Person zu warten, die das Grab ausgehoben hat. Von hier an entwickelt sich alles innerhalb einer einzigen Nacht – nur nicht so, wie es irgendeiner von ihnen erwartet hätte.

By the time she was thirty, she had given up trying, tired of being tired, tired of telling people she was tired, tired of being bombarded with imbecilic advice about how to be less tired.

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber die Geschichte hat mich wirklich gefesselt. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Figur erzählt, sodass wir die Geschichte aus ganz unterschiedlichen und einzigartigen Blickwinkeln erleben. Dabei entwickelt sich die Geschichte in jedem Kapitel weiter, anstatt bisher Geschehenes noch einmal aus anderer Sicht zu erzählen.

Wer offene Enden nicht mag, wir aber möglicherweise enttäuscht sein: Das Geheimnis um das Grab wird zwar gelöst, aber es ist am Ende sehr deutlich, dass die Ereignisse dieser Nacht unterschiedlich starke Konsequenzen für die Charaktere haben werden. Konsequenzen, die wir allerdings nicht zu sehen bekommen und uns nur vorstellen können, ohne Gewissheit zu erhalten.

Einige bemängeln genau das: Die Geschichte sei zu kurz. Ich verstehe das Argument, denn die Idee könnte ganz einfach zu einem vollwertigen Roman ausgebaut werden. Aber ehrlich gesagt, finde ich das Format der Novelle hier genau richtig.

Novellen liegen definitionsgemäß zwischen Kurzgeschichten und Romanen. Lang genug, um Atmosphäre und Spannung aufzubauen, aber kurz genug, um sich immer auf das Wesentliche zu konzentrieren. In der Regel wird genau ein Ereignis oder ein Wendepunkt im Leben eines Charakters beschrieben, statt der kompletten oder ein großer Teil des Lebensweges. Und genau deshalb funktioniert das hier so gut: In „Graveyard Shift“ geht es um ein einzelnes Ereignis, das das Leben dieser fünf Personen über einen Zeitraum von nur 10 Stunden komplett verändert. Rio versucht nicht, alles zu erzählen – aber sie erzählt genug. Die Kürze verstärkt die Spannung und bringt perfekt rüber, dass es hier um nur eine Nacht geht. Das Tempo bleibt konstant und die Figuren wirken trotz fehlender Backstories lebendig, weil wir nur einen einzigen, sehr intensiven Moment ihres Lebens erleben.

Sprachlich ist dieses Werk einfach großartig. Ich liebe den Stil von M. L. Rio, aber ganz besonders gut hat mir hier das Nachwort gefallen. Dort berichtet sie ein einer fast schon lyrischen Prosa über ihre Erfahrungen im akademischen Umfeld: Über den Druck, die Schlaflosigkeit, ihre Angewohnheit, immer nachts zu arbeiten. All das hat Graveyard Shift überhaupt erst inspiriert.

Hannah liked old buildings. Lots to listen to at night, a never-ending game of „What’s that sound?“ which gave her something to do in the rare dark hours she didn’t spend driving around looking for lost souls with a penny for the ferryman.

Für mich war die Geschichte aber noch einmal extra unangenehm, weil ich eine starke Abneigung gegen und Angst vor Ratten, Mäusen und ähnlichem Getier habe. Es gibt keinen Grund dafür, das ist schon seit meiner Kindheit so. Und ich habe auch mehrfach versucht, darüber hinweg zu kommen, aber mein Körper hat hier einfach ein Eigenleben und reagiert, selbst wenn mein Hirn in dem Moment etwas ganz anderes sagt. Ratten spielen hier nun mal eine große Rolle, was mir das Cover eigentlich auch hätte verraten können. Aber ich weigere mich einfach, mich von so etwas davon abhalten zu lassen, ein Buch zu lesen. Ich rede mir ein, dass das Lesen dadurch nur eine weitere Ebene dazugewinnt.

Trotzdem habe ich die Story geliebt. Sie war der perfekte Begleiter für einen ruhigen, etwas unheimlichen Oktoberabend. Was es extra perfekt macht: Die Geschichte spielt sogar im Oktober.

Misery loves company. Maybe this is why academia and insomnia, the two narrative engines of Graveyard Shift, are so miserably inextricable.

[…]

I am different creature after dark, doing strange witchcraft with words.

Potions & Prejudice: Cozy Fantasy für Fans von Legends & Lattes

Potions & Prejudice: Cozy Fantasy für Fans von Legends & Lattes

Bewertung ⭐ ⭐ ⭐

  • Handlung50%50%
  • Charaktere35%35%
  • Schreibstil30%30%
  • Goblin-Modus50%50%
  • Vibes50%50%
  • Gesamtwertung60%60%

Smut-Skala 🌶️🌶️

  • Häufigkeit30%30%
  • Explizität60%60%

Für mehr Informationen zur Bedeutung dieser Werte habe ich einen Beitrag über mein Bewertungsschema geschrieben.

Autorin: Tee Harlowe
Buchreihe:
Moonflower Witches
Teil: 1
Seitenzahl: 254
Genre:
Cozy Fantasy, Romantasy
Sprache: Englisch

Verfügbar bei KU (Stand Oktober 2025)

Tod von Elternteilen (off-page, nur erwähnt), Druck durch Erwartungen der Mutter, Parentification der Tochter (sorgt alleine für Familie und nimmt alle Verantwortung auf sich, während Mutter und Geschwister zu sorglos sind)

Nein, allen Drachen geht es gut.

Enemies to Lovers, He Falls First, Grumpy Hero, Family Curse, Cottagecore, Black Cat FMC, Misunderstandings, Fantasy Retelling, Slow Burn Romance

„Potions & Prejudice“ ist der erste Band einer Reihe, in der die Geschichten von vier Hexen-Schwestern erzählt wird, die leider durch einen Fluch ihre Magie verloren haben. Das war nicht mal böse Absicht, ihre Oma hat ihnen auf dem Sterbebett einfach nur gesagt, dass sie die Kinder mit „happy marriage and good magic“ segnen möchte und jetzt sind die zwei Dinge leider miteinander verknüpft. Das heißt, wenn die Schwestern ihre Magie zurückhaben möchten, müssen sie zunächst heiraten. Dafür müssen sie natürlich dann erst einmal Partner:innen finden, was aber für die Schwestern gar nicht so leicht ist.

Zum einen weigern sich alle, einfach so zu heiraten, nur um den Fluch zu brechen. Wenn schon Ehe, dann bitte aus Liebe. Zum anderen haben sie aber auch keine Zeit, irgendwen kennenzulernen, denn Familie Moonflower führt ein Nomaden-Dasein und verkauft Tränke (von der noch der Magie fähigen Mutter hergestellt) aus einem selbstfahrenden Wagen. Sie müssen jederzeit aufbruchbereit sein, denn in den Witchlands darf man eigentlich nicht leben, wenn man keine Magie hat. Die Spitzel der Oberhexe Witch Superior sind überall und die Geschwister müssen sehr vorsichtig sein.

Elspeth, die Zweitälteste, hat ihre Lektion jedenfalls gelernt. Vor Jahren hat sie einem Mann ihr Geheimnis verraten, in der Hoffnung auf Verständnis und vielleicht einen Heiratsantrag. Aber boys will be boys und der Typ hat sie prompt bei einem Magistraten verpetzt. Seitdem hat Elspeth jedenfalls verständlicherweise ein bisschen trust issues, was das alles angeht. Weil die Mutter nicht so gut darin ist, sich um die Familie zu kümmern, übernimmt Elspeth das und ist dabei vielleicht ein wenig zu übervorsichtig und misstrauisch. Aber wer außer ihr kann ihre Schwestern Adelaide, Auggie und Prue schon beschützen?

 „If any real men were as good as the ones in my book, maybe I’d be more interested,“ Prue yelled.

Eines Tages hat die Familie eine Wagenpanne und ist gezwungen, in einer kleinen Stadt namens Thistlegrove eine Pause einzulegen. Werwolf Elm Kingsley hilft ihnen, den Wagen dorthin zu schleppen. Prognose: Totalschaden. Die Reparatur wird ein wenig dauern und sehr viel Geld kosten. Elspeth steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch, und dann ist da auch noch Draven. Draven Darkstone. Der Warlock, dem die Taverne im Ort gehört und mit dem Elspeth bei ihrer ersten Begegnung so richtig aneinander gerät. Er findet sie unscheinbar, aber nervig. Sie denkt, er ist arrogant und ein Arschloch. Can you smell the romance already?

Die Moonflowers müssen nun also mehrere Wochen in Thistlegrove bleiben, ohne Verdacht zu erwecken und dabei noch irgendwie ein bisschen Geld verdienen. Zwischen Adelaide und Elm bahnt sich etwas an, aber Draven und Elspeth können sich weiterhin nicht ausstehen. Auggie verschwindet immer wieder und keiner weiß, wo sie sich herumtreibt; Prue vergräbt die Nase in Büchern und wenigstens um sie muss sich Elspeth keine Sorgen machen. Da Elm und Draven beste Freunde sind, sehen sich er und Elspeth zwangsläufig immer öfter, aber um Adelaides Willen gibt Elspeth sich dann doch mehr Mühe. Außerdem verbreiten sich in solchen kleinen Städten immer schnell Gerüchte, und der Zwist der beiden hat schon genug neugierige Blicke auf sich gezogen.

Mit der Zeit fühlt sich die Familie in dem kleinen Örtchen immer wohler, aber ist das nur die Ruhe vor dem Sturm?

 

Retelling eines Klassikers

„Potions & Prejudice“ – das klingt auf jeden Fall so, als wäre es an Jane Austens „Pride & Prejudice“ angelehnt.

Es gibt einige thematische Parallelen: Wie auch bei Austen fällen die beiden Hautpcharaktere vorschnell Urteile übereinander, ohne sich richtig zu kennen und ihre Selbstwahrnehmung entspricht nicht dem Bild, das sie nach außern vermitteln. Beide sind eher veschlossen und nicht geneigt, Gefühle zu zeigen oder zuzugeben. Das führt dann beim jeweils anderen zu dem Eindruck, dass die eigenen Gefühle augenscheinlich nicht erwidert werden. Draven ist der grumpy hot guy, der sehr reserviert ist und seine eigenen Geheimnisse hat, während er aber gleichzeitig sehr loyal ist und seine Zuneigung auf ganz eigene Art zeigt. Elspeth ist eine lose Anlehnung an Elizabeth Bennet: Klug, mit Witz, aber auch stur und unabhängig. Allerdings ist sie älter: Über 30, was eine schöne Abwechslung im Bereich Romantasy ist. Auch gesellschaftliche Zwänge, Status und eine gewisse Erwartungshaltung spielen eine Rolle – die Moonflowers sind arm, Draven und Elm stammen aus reichen Familien. Elspeth möchte keine Almosen annehmen, und schlägt deshalb das Angebot von Elm aus, dass er im Inn eine Übernachtungsmöglichkeit für die Familie bezahlt. Schließlich ist da noch die Sache mit der Magie: Elspeth hat keine und Draven ist magisch extrem begabt. Das alles führt zu einem Ungleichgewicht und bei Elspeth zu dem Gefühl, dass das sowieso alles nicht gutgehen kann. Statt sich auf Draven einzulassen, bleibt sie fluchtbereit. Und als es schwierig wird, siegt ihr Misstrauen. Es gibt sogar einen Charakter mit eher dubiosen Motiven, der Elspeth Dinge über Draven erzählt, die ihre Vorurteile ihm gegenüber nur verstärken und Zweifel an ihm in ihr sähen.

Während ich den Roman gelesen habe, hätte ich abgestritten, dass es sich um ein Retelling handelt. Warum? Weil ich es zu anders ist. Es überschneiden sich zwar einige Plotpoints, es gibt aber viele Freiheiten und Änderungen, sodass es nicht eine sture Neuerzählung mit anderen Namen ist. Das hat mich erst gestört, aber eigentlich ist das ja viel besser, als das Original nur ein kleines bisschen umzuschreiben und Hexen und Tränke in Austens Welt zu bringen. Das Setting erinnert trotzdem an das Original und es ist ebenfalls kein großes Abenteuer, sondern ein Drama, ohne dabei zu dramatisch zu werden. Wir haben es mit cozy magical regenzy zu tun. Bridgerton trifft Legends & Lattes mit einem Hauch Austen.

Störfaktor Smut

Ich liebe „Stolz und Vorurteil“. Den Roman von Austen habe ich letztes Jahr zum ersten Mal gelesen und ich war wirklich überrascht, wie sehr er mir gefiel. Auch der Film mit Keira Knightley ist großartig. Was ich besonders mochte, war das yearning und die subtilen Gesten. Ich meine: Wessen Herz klopft nicht schneller, wenn Darcy Elizabeth in die Kutsche hilft und er dabei ihre Hand berührt? Und wie er danach dann seine Finger spreizt … Bevor ich den Film selbst gesehen hatte, habe ich nie verstanden, was alle an dieser Szene finden, aber oh wow.

So etwas habe ich mir auch von „Potions & Prejudice“ gewünscht. Slow Burn ohne Feuer, ein langsames Annähern, vielleicht höchstens ein gestohlener Kuss im Regen und dann denken beide in den nächsten Kapiteln immer wieder daran. Er kann das Gefühl ihrer Lippen auf seinen nicht vergessen, sie denkt immer wieder an den Geruch seiner Haut. Wenn er an ihr vorbeigeht und ihr sein Duft in die Nase steigt, schließt sie die Augen. Er lässt seinen Blick an ihrem Hals nach unten gleiten und muss sich beherschen, bevor seine Augen noch tiefer wandern und unziemliche Gedanken aufkommen.

Aber nein. Dieses Buch macht das nicht, stattdessen gibt es richtigen Smut. Es sind insgesamt nur drei Szenen im ganzen Buch verteilt, aber sie sind da und es nervt mich. Das ist dann auch kein Fade to Black, keine closed door romance, sondern explizit beschrieben. Als ich das erste mal das Wort „cock“ gelesen habe, war meine Anmerkung dazu „moment, ich dachte das ist cozy???“. Mich stört Smut sonst nicht (Auge @ meine Goodreads-History), aber in diesem Fall ist das einfach deplatziert. Das hätte so eine süße Wohlfühlstory sein können, aber der Smut reißt mich da richtig raus. Und es gibt ja auch viele Leute, die sowas nicht so gerne lesen. Die Szenen tragen exakt nichts zur Geschichte bei und hätten problemlos weggelassen oder durch etwas anderes ersetzt werden können.

 

Edgar, der ängstliche Drache und das Cottage mit Persönlichkeit

Wovon ich lieber mehr als weniger gesehen hätte, sind Edgar und das Haus, in dem die Moonflowers leben.

Edgar ist etwa handgroß und hat Angst vor seinem eigenen Schatten. Er kann sprechen und Draven hat ihn als Gefährten für seine Schwester Georgie gekauft – und auch als kleinen Aufpasser, weil Georgie gerne die Dinge tut, die sie nicht soll. Aber Edgar hängt viel lieber mit Draven in der Taverne rum, während Georgie weiterhin heimlich ausbüchst, was Draven in den Wahnsinn treibt.

„A pox on your tavern. A pox on the dragon.“

Edgar gasped, tail curling into his side.

„I’m never stepping foot in here again.“ With that, Veldar spun on his heel and stormed out.

„Glad that’s done,“ I said, continuing to polish the mugs.

„He just put a pox on me.“ Edgar whimpered. „What is a pox, exactly?“

Edgar ist so niedlich und hat meiner Meinung nach viel zu wenig Zeit gewidmet bekommen. Das gilt auch für das Cottage: Es ist ein richtiger Nebencharakter. Es entscheidet selbst, wer es betreten darf oder wirft auch mal Leute wieder raus. Am Anfang ist es widerspenstig und will sich nicht putzen lassen, aber mit der Zeit gewinnen die Moonflowers doch seine Zuneigung. Dafür beschützt es die Familie so gut es geht vor Gefahren. Leider spielt es nur eine kleine Nebenrolle.

 

Low Stakes Fantasy

Vor einer Weile habe ich „Legends & Lattes“ von Travis Baldree gelesen, auch Cozy Fantasy. Statt Zimtschnecken und Kaffee gibt es in diesem Buch aber Suppe. Insgesamt erinnert mich „Potions & Prejudice“ sehr an das Buch: Das Setting ist ähnlich, Magie fließt einfach in den Alltag mit ein und wird als nichts Besonderes angesehen, Vampire und Werwölfe leben unter Hexen und Warlocks. Es gibt auch keine Big Bads und man weiß eigentlich die ganze Zeit, das alles schon gut ausgehen wird, während sich Freundschaften entwickeln und Charakere, die jahrelang unterwegs waren, sich endlich ein Zuhause aufbauen.

Allerdings ist das auch mein Kritikpunkt. Mir ist das ein bisschen zu langweilig. Es gibt kein Risiko und am Ende wird alles meiner Meinung nach viel zu schnell gelöst. Das große Problem, vor dem Elspeth die ganze Zeit stand, wird innerhalb von wenigen Seiten plötzlich irrelevant und hat keine nachhaltigen Konsequenzen für sie. Die Lösung ist mir zu „billig“, der kleine Twist gegen Ende nicht schockierend genug. Aber ich hatte auch bei „Legends & Lattes“ schon das Gefühl, dass alles zu schnell zu Ende ging, vor allem im Verhältnis zur Länge des Buchs. Vielleicht gehört das ja einfach zum Genre?

Was ich ebenfalls zu unausgereift fand, war die Tatsache, dass den Schwestern die Magie fehlt und das ja eigentlich ja so ein Riesenproblem ist. Aber ich kann mich nur an eine einzige Situation erinnern, in der das potentielles Risiko bestand, das zur Entdeckung des Geheimnisses durch Dritte führen könnte. Es gibt dafür einige Momente, in denen sich Draven eigentlich hätte wundern müssen, warum Elspeth keine Magie benutzt. Zum Beispiel, als sie pitschnass aus dem Regen kamen und sie sich lieber vors Feuer setzt, als ihre Kleidung und Haare mit Magie zu trocknen. Dass das geht, beweist ihre Mutter relativ am Anfang des Romans. Vielleicht war Draven aber auch einfach nur zu abgelenkt von Elspeth und ihren Streitereien, als sich darüber Gedanken zu machen. Aber ich finde, damit hätte man noch ein wenig spielen können. Mich würden die Ausreden und Vertuschungsversuche von Elspeth interessieren, wenn sie jemand darauf anspricht.

 

Fazit

Wer „Legends & Lattes“ mochte, könnte auch Gefallen an der Moonflower Witches-Reihe finden, sofern das Vorhandensein von spicy Szenen nicht stört. Leider hat mich der Smut sehr genervt, sonst wäre das Buch für mich auf einer Stufe mit L&L gelandet. Wer darüber hinweglesen kann, könnte aber in diesem Buch eine cozy Fantasy mit charmanten Figuren finden. Man muss „Stolz & Vorurteil“ auch nicht gelesen haben, um „Potions & Prejudice“ zu verstehen und zu mögen.

Band 2, „Sense & Scentability“, erscheint am 5. November 2025 und wird ebenfalls bei Kindle Unlimited verfügbar sein. In diesem Teil der Reihe geht es  dann um Adelaide. Aber auch Elspeth und Draven werden sicherlich wieder vorkommen.