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notes from a book hoarder

The Secret of Secrets: Bewusstseinserweiternder Thriller

von filunara | Okt. 26, 2025 | Krimi & Thriller, Rezension, Thriller

Bewertung ⭐⭐⭐

  • Handlung75%75%
  • Charaktere30%30%
  • Schreibstil35%35%
  • Goblin-Modus60%60%
  • Vibes50%50%
  • Gesamtwertung60%60%

Smut-Skala 

  • Häufigkeit30%30%
  • Explizität30%30%

Für mehr Informationen zur Bedeutung dieser Werte habe ich einen Beitrag über mein Bewertungsschema geschrieben.

Autorin: Dan Brown
Verlag: Lübbe
Buchreihe:
Robert Langdon
Teil: 6
Seitenzahl: 800
Genre:
Thriller
Sprache: Deutsch

Mord, Folter, Einschüchterung, psychologische Bedrohung, Missbrauch von Patienten, Experimente an Menschen, Verfolgung durch Behörden, Darstellung von dissoziativer Persönlichkeitsstörung, Ausnutzen romantischer Gefühle für einen höheren Zweck, Machtmissbrauch, Verschwörungstheorien, Diskussionen zum Leben nach dem Tod, generell der Tod und was danach passiert als Schwerpunkt, pseudowissenschaftliche und religiöse Themen

Nein, es kommen keine Tiere zu Schaden und den Katzen geht es gut.

Secret Society, Alternate History, Reluctant Hero, Wrong Place Wrong Time, Race Against Time, Big Reveal, Science vs. Mysticism, Romantic Subplot, Secret Lab

Katherine Solomon, eine alte Bekannte von Robert Langdon, hat ihn nach Prag eingeladen. Dort hält sie einen Vortrag zu ihren jüngsten Forschungen im Bereich der Noetik und teast dabei ihr bald erscheinendes Buch an, das ganz bahnbrechende Informationen enthält. Ihr Werk würde das vorherrschende Verständnis von Bewusstsein und dem Tod grundlegend verändern. Nur blöd, dass jemand alles daran setzt, diese Veröffentlichung zu verhindern. Katherine hat in ihrem Buch wohl irgendwelche ganz brisanten Erkenntnisse erlangt, von denen die Öffentlichkeit nie erfahren darf.

Robert landet mal wieder komplett ohne eigenes Verschulden genau im Mittelpunkt eines Konflikts. Katherine, mit der ihn seit Jahren eine tiefe Freundschaft verbindet, wurde in Prag nicht nur zu seiner Liebhaberin, sondern er selbst hatte sie bei seinem Verleger vorgestellt und die entsprechenden Connections gehabt, damit ihr Buch erscheinen kann. Das macht ihn automatisch zu einer Person of Interest. Außerdem ist er selbst sehr neugierig auf den Inhalt des streng geheimen Manuskripts. Als Katherine nun in Lebensgefahr schwebt und sich eine Lawine an Ereignissen in Gang setzt, steht Robert vor einigen Rätseln: Wer ist hinter Katherine her? Was hat der Golem von Prag mit der Sache zu tun? Und warum musste eine andere Wissenschaftlerin bereits sterben?

In rasantem Tempo werden die Ereignisse von etwas über 24 Stunden erzählt. Es gibt mehrere POVs und Schauplätze, zwischen denen häufig gewechselt wird und es entfaltet sich eine Geschichte, die weiter in die Vergangenheit zurückreicht, als ursprünglich gedacht.

 

Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien

Der Roman The Secret of Secrets ist ein gefundenes Fressen für alle, die auf Verschwörungstheorien abfahren. Das sollte niemanden überraschen, schließlich kamen in einem anderen Teil der Reihe echte Nachfahren von Jesus vor, die noch heute unter uns leben und von einer Geheimgesellschaft beschützt werden. Oder man denke an die ganzen versteckten Botschaften in den Gemälden von Leonardo DaVinci. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Genau deshalb kauft man sich doch den neuen Roman von Dan Brown auch.

Religiöse Themen nehmen in diesem Teil aber vergleichsweise wenig Raum ein, tatsächlich geht es eher das Bewusstsein an sich, was mit dem Bewusstsein nach dem Tod passiert und wie sich einige Leute veränderte Bewusstseinszustände zunutze machen und diese gezielt herbeiführen können. Es werden auch außerkörperliche Erfahrungen diskutiert, Nahtoderlebnisse und welche Rolle an Epilepsie Leidende in der Erforschung des Bewusstseins spielen.

Ich hatte vor dem Roman von Noetik noch nie etwas gehört (bzw. nur einmal davon gelesen, auch das war in einem Dan Brown Roman) und mich nie damit beschäftigt. Nachdem ich anfing zu lesen, klang das aber sogar ganz interessant für mich. Ich dachte, Noetik wäre eine spezielle wissenschaftliche Fachrichtung, vielleicht ein Spezialbereich der Neurowissenschaft, die sich mit dem Bewusstsein beschäftigt. Also habe ich gegoogelt. Weil ich dachte, dass es vielleicht interessante Lektüre zu dem Thema gibt. Naja.

Wikipedia definiert Noetik als einen “Begriff der neuzeitlichen Philosophie. Er wird in der philosophischen Fachsprache unterschiedlich verwendet. Nach der gängigsten Verwendung bezeichnet er die Phänomenologie (Lehre von den Erscheinungen) der Vernunft”. Also ist das gar keine Wissenschaft, sondern eine philosophische Lehre? Mehr googlen ergab: Noetik ist kein anerkannter wissenschaftlicher Zweig, auch wenn Dan Brown es in seinem Roman ausdrücklich als Wissenschaft betitelt.

Das im Roman vorkommende “Institute of Noetic Sciences” gibt es im übrigen wirklich (Dan Brown erwähnt zu Beginn auch extra, dass Zeichnungen, Artefakte, Organisationen sowie Experimente, Technologien und wissenschaftliche Erkenntnisse alle existieren bzw. der Wirklichkeit entnommen sind). Ich habe mir die Webseite ein bisschen angesehen und stieß dabei auch einen kostenlosen Kurs mit dem Titel “Noetic 101”, dessen Inhalt so beschrieben wird:

“Dive into fascinating topics like psychic phenomena, intuition, channeling, energy healing & more with our free e-course.” (IONS, 2025: There’s More to Explore, https://noetic.org/explore/, abgerufen am 26.10.2025).

Auf der Webseite findet man viele Bilder von Menschen beim Meditieren und von Händen, die Kristalle halten. Ich sag mal so: Besonders wissenschaftlich sieht das für mich nicht aus. Ich bin kein komplett unspiritueller Mensch, aber für mich gibt es eine Grenze zwischen Spiritualität und Wissenschaft und diese Grenze sollte auch beibehalten werden. Wissenschaften können spirituelle Phänomene erforschen und ggf. widerlegen oder nachweisen, aber das macht diese Art von Spiritualität nicht im Umkehrschluss selbst zu einer Wissenschaft.

Gegründet wurde das Institut von Astronaut Edgar Mitchell, der unter anderem behauptete, dass er sich sehr sicher sei, dass UFO-Sichtungen auf Besuche von Außerirdischen beruhen und dass er aus diversen Quellen wisse, dass die Regierung Informationen zu Aliens zurückhält (mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Institute_of_Noetic_Sciences). Von “noetischer Wissenschaft” ist dann explizit im Freimaurer-Wiki die Rede, und selbst dort wird sie als eine Grenzwissenschaft bezeichnet. Eine häufig gestellte Frage bei Google ist “Ist Noetik eine echte Wissenschaft?”.

Macht daraus, was ihr wollt. Für mich ist Noetik allemals eine Pseudowissenschaft und das hat meine Sicht auf das Buch doch beeinflusst. Ich bin aber auch Agnostikerin und war in der Vergangenheit bei den ganzen religiösen Themen in der Robert-Langdon Reihe schon skeptisch. Als Philosophie kann ich mit Noetik jedenfalls deutlich mehr anfangen und es gibt einige Ansätze im Buch, die ich ganz spannend fand.

 

Die Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft

So spielt Solomon mit der Idee, dass die permanente Gefahr von Terror, Pandemien und Kriegen neben der “Fight or Flight”-Response auch eine weitere mögliche Reaktion bei uns auslöst: Die langsame Vorbereitung auf den Tod und ggf. die zunehmende Angst davor. Diese Furcht vor dem Unbekannten habe teilweise zur Folge, dass sich die Menschen ganz besonders stark an ihren weltlichen Besitz klammern und generell an das, was ihnen bekannt ist. Sie werden materialistischer und verlieren gleichzeitig zunehmend das Umweltbewusstsein, weil sie das Gefühl haben, dass die Welt sowieso untergeht. Warum sollten sie in ihrem Leben also auf irgendetwas verzichten, um so den unweigerlichen Untergang nur ein wenig hinauszuzögern? Was haben sie selbst davon? Menschen, die viel Angst vor dem Tod haben, seien dadurch eher geneigt, sich sehr selbstsüchtig zu verhalten, während es Menschen ohne diese Angst leichter fiele, Rücksicht auf andere zu nehmen und insgesamt offener und freundlicher durchs Leben zu gehen.

Die Behauptung “Angst macht selbstsüchtig”, die in Kapitel 135 des Romans aufgestellt wird, hat ziemlich stark mit mir resoniert. Unabhängig davon, was der Grund ist, habe ich doch das Gefühl, dass die Leute in den letzten Jahren noch viel selbstsüchtiger bzw. egozentrischer geworden sind, als es sie es mal waren. Es ist, als würden viele Menschen einen Scheiß drauf geben, was ihr Umfeld macht oder wie ihr Handeln sich auf andere auswirkt. Lautes Telefonieren oder Musik hören in der Bahn, labern während Filme und Konzerten, das restlose Aufkaufen von Artikeln im Supermarkt, die Art wie manche Leute eine richtige Müllhalde im Kino hinterlassen … Ich kann nicht sagen, ob Angst vor dem Tod hier wirklich den Ausschlag gibt, aber vielleicht zumindet die Angst, sein Leben nicht voll auskosten zu können? Rücksicht auf andere wird scheinbar als Einschränkung dabei empfunden, sich richtig auszuleben und Spaß dabei zu haben. Ich werde auf jeden Fall noch ein bisschen darüber nachdenken müssen, was in den letzten Kapiteln des Buches zur Sprache gebracht wurde. Das waren für mich nämlich die interessantesten Themen. Ich sage nicht, dass ich gerne mehr darüber gehört hätte, zur Handlung hätten diese Themen nämlich nichts beigetragen. Aber ich fand sie als Denkansätze ganz gut, sodass ich mich vielleicht im Anschluss noch ein wenig nach Essays dazu umschauen werde.

Kommen wir jetzt aber zu den Dingen, die ich am Roman neben den ganzen pseudowissenschaftlichen Aussagen nicht so gut fand.

 

Eidetisches Gedächtnis: Ich hab es kapiert, Dan

Robert Langdon hat ein eidetisches Gedächtnis. Das bedeutet, er kann visuelle Informationen sehr lange in Erinnerung behalten und zu einem späteren Zeitpunkt vor seinem inneren Auge perfekt abrufen. Sehr praktisch für jemanden, der sich im Verlauf von sechs Büchern immer wieder innerhalb kürzester Zeit viele Informationen gut einprägen muss.

Damit wir ja nicht vergessen, dass Robert das kann, wird im Buch insgesamt 10 mal erwähnt – einmal davon als Definition mit einer Erklärung des Worturpsrungs – dass er ein eidetisches Gedächtnis hat. Das ist im Schnitt einmal alle 80 Seiten. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe zum Beispiel kein eidetisches Gedächtnis, vergesse aber so eine Information trotzdem nicht sofort wieder. Mich hat es beim Nachzählen (danke für die Suchfunktion meines eReaders) aber überrascht, dass es doch “nur” zehnmal war. Mir kam es nämlich so vor, als würde mich Dan Brown deutlich öfter daran erinnern, und spätestens ab dem dritten Mal habe ich immer kurz mit den Augen gerollt.

[…] damit sein eidetisches Gedächtnis einen mentalen Schnappschuss davon machen konnte. (Kapitel 47)

 

Sein eidetisches Gedächtnis lieferte einen präzisen, vollständigen Abruf eines visuellen Inputs. (Kapitel 49)

 

“[…] sollte dein eidetisches Gedächtnis Beweis genug sein, Robert.” (Kapitel 60)

 

“Dein eidetisches Gehirn hat nur einen überlegenen Mechanismus.” (Kapitel 60)

 

”Ein eidetisches Gedächtnis kann ziemlich ablenken.” (Kapitel 91)

 

Er hatte zwar ein eidetisches Gedächtnis, doch selbst das stieß hier unten an seine Grenzen. (Kapitel 100)

Und mein Lieblingsabsatz:

Als Langdon sich erklärte, begriff Katherine, dass er soeben etwas erlebt hatte, was Noetiker als eine »verzögerte visuelle Wahrnehmung« nannten, wie sie bei einem Menschen mit eidetischem Gedächtnis häufig vorkam. Weil solch große Mengen an visuellen Informationen auf ein eidetisches Gedäcthnis einströmten, konnte das Gehirn sie nicht alle in Echtzeit verarbeiten. Tatsächlich wurde auf den Großteil des visuellen Inputs, den ein eidetisches Gedächtnis speicherte, niemals zugegriffen […] (Kapitel 70).

Das muss doch irgendwie eleganter gehen, oder? Vielleicht nervt mich das jetzt auch komplett grundlos und sonst hat niemand ein Problem damit, aber mir ist das gerade im letzten Beispiel richtig sauer aufgestoßen. Aus dem Zusammenhang ist mir da durchaus klar, dass es hier gerade um Besonderheiten des eidetischen Gedächtnisses geht, da muss das nicht noch zweimal extra betont werden.

Außerdem frage ich mich: Warum nutzt ein Mann, der (vermute ich mal, bin mir nicht ganz sicher, das wurde im Buch nicht klar genug betont) ein eidetisches Gedächtnis hat, für sämtliche Accounts und Zugänge ein Passwort wie “Dolphin123”? Der Typ ist anerkannter Symbolologe, er kennt sich mit Chiffren und allgemeiner Kryptologie aus und war in der Vergangenheit schon öfter in internationale Vorfälle verwickelt. Warum benutzt er SO EIN Passwort? Da ist ja mein Arbeitslaptop besser verschlüsselt und sogar ich kann mir mein 20-30 Zeichen langes Passwort mit Sonderzeichen und Zahlen merken. Da muss man ja nicht mal hacken können, um an seine Daten ranzukommen.

 

Redundante Informationen und übermäßiges Worldbuilding

Die Sache mit dem eidetischen Gedächtnis ist aber nicht das einzige, was auffallend oft wiederholt wird. Beim Lesen fiel mir immer wieder auf, dass Informationen häufig noch einmal wiederholt werden, obwohl sie erst ein paar Kapitel vorher eine Rolle spielten.

Erst vor kurzem habe ich auf TikTok einen Clip gesehen, bei dem es darum ging, dass Serien und Filme heutzutage so konzipiert werden, dass sie Second Screening unterstützen. Ich finde leider den Link nicht mehr, aber in dem kurzen Video wurde unter anderem dargelegt, dass Charaktere in den Dialogen teilweise Dinge aussprechen, die gerade passieren, sodass man theoretisch nicht mal hinschauen muss, aber trotzdem alles mitbekommt. Medien werden zunehmend so gestaltet, dass die Zuschauenden nicht mehr selbst nachdenken müssen und eine Serie schauen können, ohne ihr Doomscrolling zu unterbrechen.

The Secret of Secrets kam mir auch ein bisschen so vor. Die Kapitel sind ingesamt sehr kurz (es gibt 139 Kapitel und einen Epilog!), was größtenteils mit den rasanten POV-Wechseln zu tun hat. Aber trotzdem werden einige Informationen oft wiederholt oder umformuliert wiedergegeben. Nur warum? Ich habe den Roman in wenigen Tagen beendet und nicht viele Pausen gemacht. Bei den ganzen Wiederholungen würden viele Unterbrechungen jedoch nichts ausmachen. Das mag schön sein für die Leute, die mehrere Wochen für den Roman brauchen und zwischendurch mehrere Tage nicht zum Lesen kommen, aber wenn man das in einem Rutsch durchliest, ist das doch sehr ärgerlich. Das Wiederholte bläht das Buch unnötig auf und riss mich zwischendurch ein wenig aus dem Flow.

Auch das Infodumping fiel mir stark auf. Es gibt immer wieder Passagen, in denen sehr viele Informationen zum Hintergrund geliefert werden und die an sich einfach nichtssagend waren. Ein bisschen zu viel Exposé, etwas zu wenig Fokus auf die Handlung. Ich denke, das Buch hätte auch 600 Seiten lang sein können, ohne dass auf wichtige Punkte verzichtet hätte werden müssen.

 

Die Frauen in The Secret of Secrets

Katherine Solomon ist neben Robert Langdon die Hauptfigur in diesem Roman. Immer wieder wird betont, dass die beiden sich schon ewig kennen. Was nicht betont wird, ist, dass Katherine auch schon in Das verlorene Symbol eine tragende Rolle gespielt hat. Wenn ich das nicht nachgelesen hätte, hätte ich davon keine Ahnung gehabt. Mit keinem Wort werden die Ereignisse aus dem vierten Buch der Reihe auch nur erwähnt. Aber warum auch. Katherines Bruder wurde ja nur entführt, sie selbst auch, Robert wurde vor ihren Augen gefoldert und sie wurde später langsam verblutend zum Sterben zurückgelassen. Dazu muss man ja nichts mehr sagen, diese Ereignisse haben bestimmt auf keinen Fall die Beziehung der beiden beeinflusst. Auch, dass Katherines Forschung schon einmal sabotiert wurde und ihr ganzes Labor in die Luft flog, ist egal. Diesmal ist es ja nur ihr Manuskript, das verloren geht.  Natürlich muss man nicht die Ereignisse noch einmal aufrollen, aber so ein kleiner Hinweis? Ein “Warum muss das immer mir passieren?” oder “Wieso kann ich nicht ein einziges Mal forschen, ohne dass deshalb etwas explodiert”. Das wäre nett gewesen. Es wird doch sonst alles wiederholt, warum nicht ein kleines anerkennendes Nicken in Richtung der Vergangenheit?

Stattdessen wird Katherine fast schon auf ihre Rolle als Roberts Liebhaberin reduziert. Die darüber hinaus ausgesprochen hübsch ist. Ihre Arbeit war zwar der Fokus hinter der ganzen Geschichte, aber trotzdem rückte sie irgendwie in den Hintergrund. Ihr Buch ist weg, aber Hauptsache die beiden haben sich noch. Und sie ist hübsch, habe ich das schon erwähnt?

Im Kontrast dazu steht Brigita Gessner, eine weitere Wissenschaftlerin. Ich sage eine weitere, aber eigentlich ist sie die einzige richtige Wissenschaftlerin, wenn man Noetik als Pseudowissenschaft betrachtet. Brigita Gessner bildet die Antithese zu Katherine in allem. Sie ist Materialistin und Skeptikerin, während Katherine Noetikerin ist. Gessner wird sehr unsympathisch dargestellt und ihre Handlungen stellen die Wissenschaft in der Vordergrund, während Menschen für sie teilweise nur Forschungsmaterial zu sein scheinen. Um das ganze zu verdeutllichen, ist Gessner auch – natürlich – nicht so hübsch wie Katherine. Sie wird als “strenge und humorlose Frau mit schmalen Lippen” (Kapitel 24) beschrieben. Schmale Lippen, wie kann sie nur. “Ihr Haar trug sie straff zurückgebunden” (Kapitel 24) und nicht wie Katherine offen und wallend. Ihr Lächeln wird als oberflächlich beschrieben, sie treibt kleine Machtspielchen und klingt in allem, was sie sagt, herablassend. Das ist an sich auch okay, auch Frauen können unsympathische Rollen einnehmen. Aber warum geht das so oft einher mit einem aus dem Auge des männlichen Protagonisten betrachteten unattraktivem Erscheinungsbild?

Dana Daněk ist die Pressesprecherin der US-Botschaft in Prag und steht in einer heimlichen Beziehung mit einem der männlichen Nebencharaktere. Auch Dana wird als auffallend hübsch bezeichnet es wird sogar betont, dass sie mal Model war: Dana ist ein “über eins achtzig großes ehemaliges Laufsteg-Model” (Kapitel 28). Auch im weiteren Verlauf denkt ein Mann sofort an ein Model, als er sie sieht. Dana wird zwar als hübsch dargestellt, mit einem Abschluss in Informatik und einem Posten in der Botschaft, aber sie lässt sich von ihren Gefühlen leiten. Vor allem von Eifersucht, denn sie vermutet, dass ihr Liebhaber sie betrügt. Dafür benutzt sie dann sogar Mittel der US-Botschaft, um die andere Frau ausfindig zu machen. Das war so ein Subplot, der meiner Meinung nach überhaupt nicht nötig war. Was mich am meisten stört, ist das hier ausgerechnet ein ehemaliges Model so unvernünftige Dinge tut wie Dana. Es gibt ja leider nach wie vor das Klischee, dass Models zwar schön, aber nicht sehr klug sind. Warum muss das hier verstärkt werden? Stattdessen hätte man ihr wirklich eine andere Rolle geben können. Ich hätte es zum Beispiel gerne gesehen, wenn der Security Mitarbeiter im Verlag eine Frau gewesen wäre, statt dort mal wieder einen Mann hinter den Schreibtisch zu setzen. Als Informatikerin wäre Dana eigentlich perfekt gewesen.

Sasha Vesna spielt im Roman eine sehr wichtige Rolle. Sie kommt aus Russland und arbeitet bei Brigita Gessner als Laborassistentin. Brigita hat Sasha aus einer Nervenheilanstalt befreit, wo sie aufgrund ihrer Epilepsie als Kind abgegeben wurde. Die Wissenschaftlerin bot Sasha einen Job an und die Aussicht auf Heilung. Tatsächlich gelingt es Gessner, Sasha zwar nicht vollständig zu heilen, aber ihre Epilepsie unter Kontrolle zu bringen. Von allen Frauen im Roman mochte ich Sasha am liebsten und habe sogar fast so etwas wie einen Beschützerinstinkt ihr gegenüber entwickelt. Durch zahlreiche Anfälle in der Vergangenheit und eine Geschichte, die von Misshandlung in der Anstalt geprägt war, trägt sie offensichtliche Narben davon. Ihr Äußeres rückt nicht in den Vordergrund, aber die Beschreibungen dienen als Spiegel dessen, was in Sashas Vergangenheit geschah und was sich in ihrem Inneren abspielt.

Die letzte wichtige Frau im Roman ist Heide Nagel, die US-Botschafterin in Prag. Von ihren äußeren Beschreibungen ist mir nur ihr schwarzes Haar und ein gerader Pony im Kopf geblieben, zusammen mit der Tatsache, dass sie auch schon über 50 oder sogar 60 ist. Sie ist geschieden und sehr erfolgreich, ein ehemalige Rechtsanwältin. Wenn ich so darüber nachdenke, erfüllt sie ein bisschen das Klischee der Frau, die sich zwischen Liebe und Beruf entscheiden musste, und sich für ihre Arbeit entschied. Weil man ja nicht beides haben kann. Ansonsten liegt der Fokus auf ihrem Auftreten und ihrer Kompetenz in ihrem Posten, was mir gut gefiel.

Alles in allem sind die Frauen in diesem Roman aber alle Schachfiguren und Opfer, mehr oder weniger. Sie alle haben ihre eigene Persönlichkeit und ganz unterschiedliche Rollen als anerkannte Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen oder Frauen in wichtigen Positionen. Aber doch werden ausnahmslos alle ausgenutzt. Männer schnappen sich ihre Forschungsergebnisse, umschmeicheln ihr Ego, sie werden belogen und gezielt in Positionen erhoben, wo sie den Strippenziehern (alles Männer!) am meisten nutzen. Das geht besser.

 

Ein Dan Brown nach Rezept

Das klang bisher nach sehr viel Kritik. Und der Roman hat auf jeden Fall inhaltliche Schwächen, die ich ansprechen wollte.

Insgesamt hatte ich beim Lesen aber trotzdem Spaß. Ich erkenne eindeutig die Inhalte und die Struktur, die einen Roman von Dan Brown zu einem echten Dan Brown machen: Rätsel, Mystik verwebt mit Wissenschaft, rasantes Tempo, Verfolgungen, historische Schauplätze. Das alles hat The Secret of Secrets und wer bisher gerne die Robert Langdon Romane gelesen hat (so wie ich), wird auch mit diesem Teil Freude haben. Der Roman ist spannend und unterhaltsam von der ersten bis zur letzten Seite.

Am besten haben mir die Passagen in New York mit dem armen Lektor von Katherine und Robert gefallen. Er ist von dem echten Lektor von Dan Brown inspiriert und gerät unabsichtlich in die ganze Sache, weil er ein ausgedrucktes Manuskript von dem besagten Buch besitzt. Von New York aus versucht er zusammen mit einem Security-Spezialisten namens Alex Robert so gut es geht von der anderen Seite der Erde zu unterstützen. Ich hätte mir mehr Kapitel mit den beiden gewünscht.

Man sollte nur ein Auge zudrücken und den ganzen wissenschaftlichen Aspekt nicht zu Ernst nehmen. Ich bin natürlich absolut keine Expertin auf den angesprochenen Gebieten und könnte nicht sagen, was richtig ist und was komplett erfunden, aber als Nicht-Wissenschaftlerin kam mir alles zumindest sehr schlüssig vor. Die Erklärungen sind allgemein gut, ein bisschen Google nebenbei hat ergeben, dass vieles tatsächlich existiert. Nur, dass ich quasi von Anfang an wusste, dass Noetik keine Wissenschaft ist, hat mir ein bisschen die rosa Brille weggenommen. Was aber auch ganz gut war, sonst hätte ich den Roman mit weniger Skepsis gelesen und womöglich noch komische Ideen bekommen. Wenn man den Fokus aber auf die Spannung und Mysterium legt, hat man einen soliden Roman vor sich. The Secret of Secrets ist vielleicht nicht literarisch anspruchsvoll, aber ein gutes Stück Unterhaltungsliteratur.

Spoilers ahead!

Wer absolut keine Spoiler zum Roman lesen will, sollte hier aufhören. Wer wissen will, was es mit dem großen Geheimnis auf sich hat, ohne den Roman zu lesen, kann den nächsten Punkt aufklappen.

Was ist denn jetzt das große Geheimnis?

Katherine Solomon hatte in ihrer Doktorarbeit im Gebiet der Neurochemie über die zukünftige Entwicklung der Hirnforschung spekuliert. Sie schrieb über die Entwicklung eines Chips, mit dem bestimmte Stoffe im Hirn gezielt reguliert werden können. Allerdings muss so ein Chip komplett in das neuronale Netz integriert sein und um dies zu erreichen, müsste man zuerst künstliche Neuronen erschaffen. Dafür entwickelte sie ein theoretisches Verfahren, wie man diese künstliche Neuronen züchten könnte. Ihr Professor drängte sie dazu, ein Patent dafür anzumelden, das jedoch abgelehnt wurde.

Tatsächlich steckte die CIA dahinter und hat dafür gesorgt, dass das Patent abgelehnt und somit auch nicht veröffentlicht wird, um sich exklusiv die beschriebene Technik zu sichern.

In den folgenden Jahren entwickelte die CIA das offiziell als gescheitert bezeichnete Projekt Stargate (existierte wirklich) weiter, auf Basis der Idee von Katherine. Das nun als Threshold bekannte Projekt wurde nach Prag verlegt, wo ein großer unterirdischer Atomschutzbunker umgebaut wurde.

In Katherines neuem Buch berichtete sie dann von ihrer damaligen Forschung und ihrer Idee und hängte als Nachtrag ihren abgelehnten Patentantrag mit an. Damit wollte sie junge Wissenschaftler:innen motivieren, dass ein Misserfolg nicht das Ende ist.

Leider ist der CIA natürlich sehr daran gelegen, dass auf gar keinen Fall irgendeine andere globale Macht jemals diese Patent zu Gesicht bekommt und dann selbst mit künstlichen Neuronen forscht. Deshalb muss die Veröffentlichung des Buches mit allen Mitteln gestoppt werden.

Im Grunde ist der eigentliche Inhalt ihres Buches nicht einmal so brisant, aber diese eine Information reicht aus, dass die CIA einschreitet.

Threshold ist ein Projekt einer Untergruppe der CIA namens In-Q-Tel, kurz Q genannt. Der Leiter von Q, Finch, leitet alles in die Wege. Katherines Manuskript wird von den sicheren Servern des Verlags gelöscht und alle Kopien müssen vernichtet werden.

Bei Threshold geht es darum, dass das Gehirn mit einem Chip und künstlichen Neuronen angepasst wird, um die Chipinhaber als Kamera zu nutzen. Alles, was die Personen mit Chip sehen, kann aufgezeichnet und wiedergegeben werden. Threshold geht aber noch einen Schritt weiter und erforscht die Aufzeichnungen des inneren Auges, z.B. Träume. Aber nicht nur das: Durch den implantierten Chip werden bestimmte Inhibitoren im Gehirn abgestellt, was letzten Endes so etwas wie Astralreisen ermöglicht. Das ganze beruht auf der Annahme, dass das Bewusstsein nicht im Gehirn verankert ist, sondern letztendlich das Gehirn nur der Empfänger für ein nicht-lokales Bewusstsein darstellt. Mit Threshold sollten Personen gezielt außerkörperliche Erfahrungen machen und dabei ihre Beobachtungen aufzeichnen können – quasi wie unsichtbare Drohnen, die überall auf der Welt einsetzbar sind.

(Hier habe ich ein bisschen persönlichen Beef mit dieser Idee: Finch sagt in Kapitel 112 “Wenn Sie die Augen schließen und sich das Heim Ihrer Kindheit vorstellen, dann erscheint ein lebhaftes Bild in Ihrem Kopf”. Ich habe Aphantasie und kann keine Bilder vor meinem inneren Auge sehen. Nach diesem Prinzip wäre ich sozusagen als Spionin komplett ungeeignet, weil ich nichts Nützliches übertragen kann. Und in einer Welt, in der alle Menschen solche Chips bekommen, um komplett überwacht zu werden, wäre ich ein blinder Fleck für die Sicherheitsdienste.)

Jedenfalls erforscht Brigita Gessner, wie man solche außerkörperlichen Erfahrungen verursachen kann und holt sich dafür Testsubjekte aus Nervenheilanstalten. Epileptiker sind als Versuchskaninchen besonders gut geeignet, weil ihre Gehirne von Natur aus auf die nötigen Prozesse getuned sind. Sasha ist Testobjekt Nr. 2 und an ihr wird regelmäßig experimentiert, woran sie sich aber nicht erinnern kann.

In ihren Jahren in der Anstalt entwickelte Sasha nämlich eine dissoziatie Persönlichkeitsstörung, bei der gelegentlich ein sogenannter Alter, eine zweite Persönlichkeit, die Kontrolle übernimmt. Diese Persönlichkeit ist der Golem. Der Golem hat als einziges Ziel, Sasha zu beschützen, und arbeitet gegen Gessner und unwissentlich gegen die CIA, indem er Gessner und weitere Personen tötet, die Sasha Schaden zugefügt haben. Sein Ziel ist es, das unterirdische Labor in die Luft zu sprengen.

Robert wird in das alles alleine durch seine Verbindung zu Katherine hineingezogen. Gemeinsam schaffen es die beiden, herauszufinden, wer hinter allem steckt und warum Katherine verfolgt wird. Am Ende existiert doch noch eine Kopie des Manuskripts und Katherine wird es, angepasst, vielleicht doch noch veröffentlichen können. Finch stirbt bei der Explosion des Labors und Sasha fliegt mit Heide Lange nach Amerika. Dort übernimmt Lange das Projekt Threshold, das in Zukunft umgekrempelt und anders geführt werden soll. Das oberste Ziel ist noch immer, Überwachungstechnologien für neuro-militärische Kriegsführung zu entwickeln, aber ohne unmoralisches Testen an Menschen.

Der Golem hatte Gessner ein Geständnis abgerungen, das auf Video aufgezeichnet wurde. Von diesem Video existieren mehrere Kopien. Es ist ein Druckmittel, das Lange, Langdon und Solomon gegen die CIA in der Hand haben, um ihre persönliche Sicherheit in Zukunft zu garantieren.

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