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What Stalks the Deep: Alex und Angus sind zurück

von filunara | Okt. 16, 2025 | Gothic Horror, Horror & Mystery, Rezension

Bewertung ⭐⭐⭐

  • Handlung70%70%
  • Charaktere60%60%
  • Schreibstil60%60%
  • Goblin-Modus60%60%
  • Vibes70%70%
  • Gesamtwertung70%70%

Smut-Skala

  • Häufigkeit *5%5%
  • Explizität *5%5%

* Anmerkung dazu: Es wird häufiger über die Beziehung von Dritten spekuliert und einmal erwischt Alex jemanden bei einer Umarmung.

Für mehr Informationen zur Bedeutung dieser Werte habe ich einen Beitrag über mein Bewertungsschema geschrieben.

Autorin: T. Kingfisher
Verlag: Titan Books
Buchreihe:
Sworn Soldier
Seitenzahl:
190
Genre:
Gothic Horror
Sprache: Englisch

Leichte Spoiler in den weiteren Registerkarten

Klaustrophobie, Verletzungen durch Explosion/Feuer, Body Horror (nicht superausführlich, aber genug, um etwas unangenehm zu sein), Uncanny Valley, Trauma / PTBS (Erwähnungen von Belastung durch Kriegserfahrungen), unmenschliche Lebensform mit ausgeprägtem Bewusstsein

Jein? Es stirbt ein Tier, das aber letztendlich nicht das war, wofür man es gehalten hat.

Ein Pferd wird verletzt, aber nicht lebensgefährlich.

Haunted/Abandoned Mine, Trauma as Character Drive, Cosmic Horror, Doppelgänger, Isolation, Alien Lifeform Develops Conciousness, Scientific Interest vs. Survival, Monster with Morals

Alex Easton ist zurück! Endlich, ich habe kan schon vermisst. (Das ist kein Schreibfehler, sondern ein Neopronomen. Alex stammt aus dem fiktiven Land Gallacien, wo Personen zu Sworn Soldiers werden können. Wer dem Militär angehört, erhält ein eigenes Pronomen: nämlich ka/kan. Das zieht sich durch alle Romane der Reihe und wird immer wieder thematisiert und durchgehend so verwendet. Die Sprache Gallaciens wird dabei als sehr kompliziert dargestellt, aber dafür mit deutlich mehr Feinheiten.)

In diesem Teil erhält Alex ein Telegramm von Dr. James Denton aus Amerika. Die beiden hatten sich in Band 1 “What Moves the Dead” kennengelernt und offenbar losen Kontakt gehalten. Kein Wunder, traumatische Erlebnisse schweißen zusammen; und ein Pilz, der Bewusstsein entwickelt und Menschen sowie Tiere wie Marionetten benutzt, würde ich schon als traumatisch beschreiben.

Denton ist jedenfalls besorgt: Sein Cousin Oscar ist verschwunden. Aber nicht im Wald oder auf See oder irgendwo im Ausland, sondern in einer stillgelegten Kohlemine.

Eigentlich würde Alex am liebsten umkehren, und nicht nur, weil ka Amerikaner nicht sehr mag (sie wollen immer Hände schütteln und nehmen so viel Raum ein). Aber wenn Freunde rufen, ist kan halt zur Stelle. Außerdem wird es ja einen Grund haben, dass Denton ausgerechnet Alex und Angus (mein best grumpy boy!) um Hilfe bittet.

Vor Ort angekommen klärt Denton erst einmal seine beiden Freundedarüber auf, dass er postalisch mit Oscar in Kontakt war und seine Briefe zunehmend seltsamer wurden. So berichtete Oscar von Lichtern in der Tiefe der Tunnel und von einer Kammer aus seltsamen Material, das er so noch nie gesehen hat. Schließlich bricht der Kontakt aber ab und es kam nur noch ein einziges Telegramm, das so gar nicht nach Oscar klang. Danach wortwörtlich Funkstille. Also fuhr der Arzt persönlich vorbei, aber es fehlte jede Spur seines Cousins.

Denton ist überzeugt, dass etwas nicht stimmt und möchte nach Oscar suchen. Dass ihn die Atmosphäre in der Mine irgendwie an das Anwesen der Ushers erinnert, beunruhigt ihn noch mehr  – und ist letztendlich der Grund, weshalb er Alex und Angus überhaupt nach Amerika eingeladen hat. Auch sein Freund John Ingold wird mit dabei sein, da er sich als Chemiker mit den verschiedenen Gasen in einer Mine auskennt, und Kent, ein Angesteller von Denton.

Die Gruppe macht sich also auf zur Hollow Elk Mine. Dort angekommen dauert es nicht lange, bis sie selbst einige Dinge bemerken, die die dunklen Tunnel der Mine noch weniger einladend wirken lassen. Lichter in der Tiefe. Schritte, die ihnen folgen. Ein wildes Tier, das im nahegelegenen Ort schon mehrere Leute auf dem Gewissen hat. Was sie letztendlich dort erwartet, ist genau das, was Alex befürchtet hat und gleichzeitig komplett überraschend.

I put my hand on the butt of my pistol, while thinking that “keep your eyes peeled” was a terrifying turn of phrase.

 

Die Mine als Stilmittel

Wer Probleme mit engen Räumen und dem Wissen hat, dass über dem eigenen Kopf hunderte Tonnen Stein nur darauf warten, herabzustürzen, sollte Minen am besten fernbleiben. Alex hat aber garantiert keine Klaustrophobie. Der Gedanke an enge Tunnel verursacht vielleicht ein bisschen Herzrasen, aber ka hat definitiv, ganz sicher, keine Klaustrophobie. Tunnel sind einfach gruselig und die morschen Holzbalken, die als Stützen verwendet werden, sind absolut safe und nicht nur Miner-Style Deko, oder? Oder?

Die Mine als Schauplatz ist ausgesprochen gut gewählt. Nicht nur, weil sich in den vielen Tunneln und Abzweigungen womöglich alles mögliche versteckt, sondern auch, weil das erdrückende Gewicht der Steine über den Charakteren als Sinnbild für die bedrückende Stimmung und den Leidensdruck der Personen, bedingt durch ihre Erfahrungen, stehen kann.

Alex beteuert zwar immer wieder, kein Problem mit den engen Gängen zu haben, aber die Panikattacken und die Beschreibungen von den viel zu nahen Wänden und das Bewusstsein gegenüber dem Gewicht des Gesteins über dem Kopf malen ein anderes Bild. Ka wird durchaus von der Umgebung beeinflusst, auch wenn die empfundene Angst nicht direkt etwas mit klinischer Klaustrophobie zu tun hat.

That is horrifying and I want to go home,“ I said, although I pronounced it, „Ah, I see.“

Die Dunkelheit in der Mine ist unergründlich. Ohne Licht ist man dort verloren, gleichzeitig können Lichtquellen an sich aber auch gefährlich sein. In einigen Bereichen der Mine existieren natürliche Ansammlungen von Gasen, die hochentzündlich sind. Vorsicht ist geboten. Die Dunkelheit kann aber gleichzeitig auch als Metapher für verdrängte Erinnerungen stehen oder unterdrückte Traumata. Und davon hat Alex einige. Wer versucht, „Licht ins Dunkel“ zu bringen, aka diese Erinnerungen zu verarbeiten, kann es schaffen, solange nur der Mut dafür vorhanden ist und man sich in sicherer Umgebung und Gesellschaft befindet. Oder aber man wird dazu genötigt, schnell ein Feuer zu entfachen (oder andere tun es, ohne nachzudenken) und dann fliegt einem alles um die Ohren.

Dazu kommen die zahllosen Tunnel, die entweder in Sackgassen führen oder zu noch mehr Tunneln. Irgendwann verliert man die Orientierung und das Gefühl dafür, wie lange man schon unterwegs ist. Diese Orientierungslosigkeit ist unheimlich und spiegelt neben der Dunkelheit vergangenes Trauma gut wider. Wie soll man nur anfangen, das zu verarbeiten? Verstrickt man sich vielleicht noch tiefer in allem und der Versuch, einen Weg nach draußen zu finden, endet nur damit, dass man noch stärker verdrängte Erinnerungen freilegt? Ohne Anleitung, ohne Hilfe ist es kaum möglich, sich zurechtzufinden.

Die Enge macht es nicht besser. Immer wieder gibt es Passagen, die nur auf Knien oder in geduckter Haltung durchquert werden können. Das verstärkt wiederum das Gefühl, irgendwie in der eigenen Vergangenheit oder dem Erlebten gefangen zu sein, während die Last droht, einen zu erdrücken und unter sich zu begraben.

Dazu kommt noch die ständige unsichtbare Bedrohung von Gasen, die entweder explodieren oder einen langsam ersticken. Selbst, wenn es keine sichtbare Bedrohung gibt, kann man trotzdem gerade mitten in einer sehr gefährlichen Situation stecken. Wenn man sich dessen bewusst ist, ist Entspannung ein Fremdwort.

Alles in allem verstärkt die Mine die unheimliche Stimmung. Geräusche klingen anders als an der Oberfläche und werden verstärkt, sodass die Distanz schwer einzuschätzen ist. Alles ist dunkel und man sieht nur den Bereich, den man gerade anstrahlt. Was, wenn das Licht ausfällt? War das eine Bewegung im Augenwinkel oder nur Einbildung?

 

Isolation als stille Korrosion der Vernunft

Ohne jetzt auf mehr Details einzugehen (ich will wirklich nichts spoilern, weil mir der Roman gut gefallen hat und denke ich am besten wirkt, wenn man vorher nicht zu viel davon weiß), spielen auch Isolation und damit verbundene Einsamkeit eine tragende Rolle in dieser Novelle.

Was macht es mit einem, wenn man lange Zeit alleine im Dunkeln sein muss? Unten in der Mine vergeht die Zeit langsam. Doch der Schauplatz ist nur ein Katalysator, und die Isolation von der Außenwelt und die vollkommene Schwärze um einen herum sind das, was die Psyche zerfrisst und die Wahrnehmung der Charaktere verzerrt. Ohne Tageslicht gibt es auch kein Zeitgefühl. Ist es da nicht klar, dass man irgendwann ein wenig durchdreht? Die eigenen Schritte hallen von den Wänden wider, man beginnt, Dinge zu hören und zu sehen. Bin ich wirklich alleine oder kann ich nur nicht sehen, was sich in der Nähe befindet?

Ganz ohne Kontakt, ohne Konversationen mit anderen, versagen die eigenen Sinne langsam. Die Denkfähigkeit bröckelt. Das passiert nicht plötzlich, sondern schleichend und man fängt an, die Lücken des nicht Wahrnehmbaren selbst zu füllen. Die Isolation entmenschlicht einen zusehends, irgendwann rücken Instinkte in den Vordergrund, während logisches Handeln und Denken langsam schwinden. Paranoia nehmen ihren Platz ein, Misstrauen, steigende Gewaltbereitschaft. Das Überleben ist wichtiger als alles andere. Wer zu lange alleine ist, sieht andere Personen irgendwann als Belastung, vielleicht sogar als Bedrohung an.

Was ist schlimmer: Das, was wirklich im Dunkeln lauert, oder das, was sich im eigenen Inneren regt, wenn man den Bezug zu sich selbst und einer Gemeinschaft verliert?

Sometimes when people hurt for a long time, they start to think hurting is part of who they are. And then anything that helps the hurt, even healing, feels like it’s trying to strip part of them away.

 

Vorhersehbarkeit und Spannungsabfall

Der Roman war wirklich spannend und ich habe richtig mitgefiebert oder mich gegruselt, wenn einige Dinge passiert sind und mir klar wurde, was das zu bedeuten hat. Leider gibt es einen bestimmten Punkt im Buch, ab dem die Spannungskurve ziemlich absinkt. Wenn es nach mit gegangen wäre, hätte ich mir mehr grausige Situationen in der Mine gewünscht, einfach weil ich die Atmosphäre wirklich genossen habe. Dieser Grusel durch das Unbekannte fällt ab diesem Punkt einfach weg und auch Alex und die anderen fühlen sich in der Mine danach nicht mehr ganz so unwohl, weil die Mine einen Teil ihres Schreckens eingebüßt hat.

Kurz danach fing ich dann auch an, vorherzusehen, was passieren wird bzw. was das wahre Böse im Roman ist. Mich hat das nicht gestört; es muss nicht alles komplett überraschend sein. Aber aus den Beschreibungen heraus fand ich es sehr leicht, meine Schlüsse zu ziehen und einigen könnte das dann zu langweilig sein.

 

Fazit

„What Stalks the Deep“ ist wieder eine großartige Geschichte von T. Kingfisher. Wenn ich ein Ranking der drei bisher erschienenen Teile der Reihe erstellen müsste, wäre „What Moves the Dead“ auf Platz 1, dich gefolgt von „What Stalks the Deep“ und erst danach würde sich Band 2, „What Feasts at Night“, einreihen.

Die Atmosphäre in diesem Buch war wirklich grandios. Ich war zwar noch nie in einer Kohlemine, aber in einem Salzbergwerk und habe dort schon einen kleinen Eindruck gewonnen, wie dunkel, kalt und einengend es unter Tage sein kann. Alleine der Gedanke, in den Gängen herumkriechen zu müssen und mit unheimlichen Lichtern und komischen Geräuschen konfrontiert zu sein, verursacht bei mir Gänsehaut. Die eerie Stimmung wurde auf jeden Fall sehr gut rübergebracht.

Dazu kommt, dass ich den Humor von Alex Easton liebe. Gefühlt gab es zwar weniger Situationen, in denen Alex trockene Bemerkungen macht, aber das passte ganz gut zu der Geschichte. Mir wäre auch nicht nach Humor zumute, wenn mich die ganze Zeit Gedanken an meine Vergangenheit beschäftigen würden.

Wie schon in den beiden vorherigen Büchern ist das Böse auch in diesem Band wieder etwas Unfassbares, das sich nicht einfach so erklären lässt. Allerdings gibt es diesmal auch eine moralische Grauzone: Wie verantwortlich ist man für das eigene Handeln, wenn jeder andere von uns unter denselben Umständen auch irgendwann psychisch gebrochen wäre? Darf man Mitleid empfinden und vielleicht sogar versuchen, zu helfen?

Auch nach längerem Nachdenken bin ich noch nicht sicher, wie ich zu dem Ende stehe. Aber auf jeden Fall lässt sich sagen, dass Alex, Angus und auch Denton sich seit den Ereignissen bei den Ushers weiterentwickelt haben, sonst wäre das alles vielleicht ganz anders abgelaufen.

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